Ein strauchelnder Beethoven

Beethovens letzte Sinfonie beginnt zögerlich. Einzelne motivische Fetzen werden in den Raum gestreut, um wenige Takte später voller Wucht und Bombast ins Hauptmotiv des ersten Satzes überzugehen. Doch verspielte Ádám Fischer und seine von ihm gegründete Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie die große Wirkung dieses bewusst kontrastreichen Einstiegs, indem das Motiv sich nicht wie in gewohnter Weise erst schüchtern ankündigt – sondern von Anfang an in allzu klarer Form und Gestalt vorhanden ist. Gerade hier hätte Fischer Subtilität beweisen müssen, die er im Laufe der folgenden siebzig Minuten noch mehrmals wird vermissen lassen.
Das Hauptmotiv setzt ein – und wirkt ungewohnt zergliedert. Nicht viel, doch deutlich länger als üblich sind die Pausen, die Fischer seinem Orchester anordnet. Die Eröffnung der bedeutendsten Sinfonie der Musikgeschichte lässt kalt.
In der Reprise ist man Dynamik gewohnt. Nicht so bei Fischer. Und dabei sei gar nicht verlangt, die Pauke bis ans Äußerste zu treiben (wie es Furtwängler getan hat). Aber ist es doch die Pflicht eines Interpreten deutlich zu machen, dass an diesem Punkt das Fass überläuft – und der große Kulminationspunkt des ersten Satzes erreicht ist. Selbst der Ausklang des Kopfsatzes (der nicht zu unrecht gerne als „kleiner Trauermarsch“ tituliert wird) lässt die Dramatik vermissen, die für die musikalische Logik der Sinfonie – mit Hinblick auf das große Freudenfinale – unbedingt erforderlich ist.
Fischer akzentuiert die Trennung zwischen erstem und zweitem Satz durch langes Pausieren. Für mein Empfinden besteht hierfür keine Notwendigkeit. Umso notwendiger wäre es gewesen, das verträumte, elegische Adagio nicht nahtlos in das Sinfoniefinale übergehen zu lassen. Doch ist es gerade diese zweite Sinfoniehälfte, die der Haydn-Philharmonie musikalisch am besten zu gelingen scheint. Vor allem muss die solistische Gesangsleistung (im Angesicht der inhumanen Anforderungen des alten Beethoven) mit größtem Lob hervorgehoben werden.

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Ádám Fischer – (c) Lukas Beck

Es ist – im Zusammenhang mit Beethovens Neunter – irritierend, dass in Sekundärliteraturen stets mit großer Wertschätzung von Schillers Freudenhymnus geschrieben wird. Ich möchte nicht missverstanden werden. Wenn man mich nach jenen Dichtern fragt, die mir am nächsten stehen – Friedrich Schiller dürfte nicht fehlen! Und dennoch wäre es falsch, dem frühen Gedicht An die Freude hohen Rang zuzusprechen. Wer das am treffendsten erkannt hat, war im übrigen Schiller selbst: Er distanzierte sich bereits sehr früh von seinem allzu pathetischen, vom Atem der Revolution getragenen Hymnus. Dass Beethoven jedoch in Zeiten der Restauration auf genau diesen Text zurückgegriffen hat, war natürlich kein Zufall.
Ein Zufall war es auch nicht, dass man als Einstieg in den Konzertabend die Passacaglia von Johann Sebastian Bach wählte. Der Abend stand nämlich unter dem Motto 130 Jahre Stefaniensaal. Und so erfahren wir, dass bereits vor 130 Jahren Orgelmusik von Bach gespielt worden ist. Robert Kavács wusste an seiner Orgel durch souveränes Spiel zu überzeugen.
Alles in allem haben wir es mit einem gelungenen, keineswegs aber überwältigenden zweiten Orchesterkonzert zu tun. Man bleibt gespannt auf Folgendes!

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