130 Jahre Stephaniensaal – Beethovens Freude

Das Festkonzert zum 130. Jubiläum des Stephaniensaals bot als Programm dasjenige Orchsterwerk, welches im deutschsprachigen Raum – einmal abgesehen von Wagner – wohl kaum wie ein anderes für solch einen Anlass prädestiniert zu sein scheint:  Beethovens 9. Symphonie. Alleine des Pathos wegen und hinsichtlich der großen Bedeutung der Symphonie mochte die Programmgestaltung erfreuen und erheben, ohne noch wissen zu können, wie jenes Meisterwerk von Adam Fischer interpretiert werden würde. Gemeinsam mit der Österreichisch-Ungarischen Haydn Philharmonie und dem Grazer Opernchor (unter der Leitung von Bernhard Schneider) wurde dem Publikum eine Vorstellung geboten, die wohl zu äußerst unterschiedlichen Standpunkten geführt, aber summa summarum die Erwartungen erfüllt haben dürfte.

(c) Musikverein Graz

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Zunächst wurde, wie auch bei der Eröffnung des Saals am 4. November 1885, Johann Sebastian Bachs Passacaglia in c-Moll (BWV 582) vorgetragen, was als Einstimmung für den Abend durchaus tauglich und gut gewählt war. Jene herrliche Bach-Komposition war es, die dem Publikum den Einstieg in die festliche Stimmung ermöglichte, ohne jedoch allzu frohlockend anzumuten. Ganz im Gegenteil, das Orgelstück versetzte in nuancenreiche Gefühlslagen, die der Größe einer anmutigen Festivität entsprechen konnten.

Zu Beethovens 9. Symphonie muss an dieser Stelle nicht viel gesagt werden, zur Interpretation allerdings schon: Adam Fischer verstand es, eine reibungslos dargebrachte Symphonie zu präsentieren, die an kaum einem Punkt glänzte, mich aber auch zu keinem Zeitpunkt verärgern musste. Besonders beim 2. Satz (Scherzo. Molto vivace – Presto), dessen Interpretationen meinerseits gerne besonders kritisch betrachtet werden, ließ keinen Groll zu. Wie so oft ist die Schönheit einer musikalischen Darbringung nicht nur von musikalischer Perfektion, sondern auch von einer gefühlsbezogenen Zugangsweise geprägt, und auch wenn die Symphonie sicherlich nicht einwandfrei dargeboten wurde, so hat die Interpretation das für mich Wichtigste erreicht: Sie konnte mir das „rasend Herz“ bieten, das ich suchte, und sie ließ mich in der Musik verloren sein. Der große Kampf, den Beethoven musikalisch in der Symphonie umsetzt, die große Überwindung der Qualen, die schließlich erst die große Freude ermöglicht, präsentierte Adam Fischer zurückhaltend und leidenschaftlich, also genau auf jene Weise, die das Mitempfinden ermöglichte, ohne der Interpretation unnötig viel Aufmerksamkeit schenken zu müssen.

(c) Musikverein Graz

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Der Festabend war also m.E. gelungen, die pathetische Form des Schlusssatzes von Beethovens 9. Symphonie und die hohe Form der Reinhaltung gewohnter „Umgangsformen“ im Musikverein ermöglichten ein von herrlichen Gefühlen geprägtes Hinausgehen aus dem altehrwürdigen Saal, der glücklicherweise noch keiner albernen Modernisierung anheimgefallen ist und fürder ein „ästhetischer Rückzugsort“ bleiben darf. Denn was schön ist, soll sich keinem Zeitgeist unterwerfen – vor allem nicht in einer Zeit wie dieser.

Josef Ritter von Franck drückte die Bedeutung des Saales und der Musik im Allgemeinen (im Jahre 1908) folgendermaßen aus: „Abgesehen von der veredelnden Wirkung, welche die Pflege der Musik auf das menschliche Gemüt äußert, kann Graz im Besitze dieser Säle eine Musikstadt ersten Ranges werden […].“ 

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