Letzter Ausweg… Fallen lassen?!

Vier Menschen, anonyme Teile eines globalen Konzerns, durchleben in Andrea Badea`s „Zersplittert“ die Höhen und Tiefen der Arbeitswelt. Sie kennen sich nicht, leben an unterschiedlichen Orten, allein die Systemimmanenz verbindet sie. Sie sind unwissend voneinander abhängig und trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft ähneln sich ihre Wünsche und Träume. Nina Gühlstorff legt im Grazer Haus Zwei Wert auf das Wirken metaphernreicher Sprache und lässt auch den Humor nicht zu kurz kommen. Nico Link als französischer Geschäftsmann ist ausdrucksstark in seiner Darstellung des hin- und hergerissenen Familienvaters. Fast zu gefühlvoll gibt Philine Bührer eine rumänische Ingenieurin, die es allen rechtmachen will und dennoch scheitert. Pascal Goffin ist gewohnt körperbetont, sein Call-Center – Charakter aus Dakar hängt und hantelt sich durch das Stück. Bildhaft bringt Tamara Semzov die chinesische Arbeitskraft dem Publikum näher – ihre Träume werden so zu den glaubhaftesten obwohl sie unserem Umfeld am wenigsten gleichen.

(c) Lupi Spuma

Auf einem Gerüst aus Metallstangen erklimmen die ProtagonistInnen Höhen oder steigen ab, ähnlich ihrem Alltag, privat wie in der Firma. Dies geschieht ohne Pause, es herrscht immer Bewegung – kurzes Durchschnaufen ist nur im Ansatz möglich, irgendetwas ist immer. Mit dem Schlagen eines Rings gegen die Stangen und mechanischen Bewegungen geht die Taktung der Arbeit auch in Mark und Bein des Publikums über. Im Dialog steht das „DU“ über dem „Ich“, symptomatisch für die Verdrängung des Menschen als eigenständige Person in ein x-beliebiges Individuum der Arbeitswelt. Das „DU“ spricht jeden, gleichzeitig aber auch niemanden an, Gefühle und Wünsche werden obligat – als der Call-Center – Mitarbeiter das Publikum zum Mitmachen animiert zeigt sich genau dies, jede/r wird schnell Teil des Systems.

(c) Lupi Spuma

Der ins Deutsche übersetzte Titel „Zersplittert“ des französischen Originals „Pulvérisés“ ist meiner Meinung nach unglücklich gewählt, da die Figuren in ihrem Tun, ihrer Arbeit nicht zersplittern; sie werden vielmehr „zerrieben“. Zerrieben von der Arbeit, von Erwartungshaltungen und ihren Träumen ähnlich dem Korn, das durch Mühlsteine getrieben wird. In einer Welt, die Exzellenz fordert und kein Scheitern mehr zulässt wird selbst die Flucht in die Fantasie zu einem Wettbewerb. Aufstieg, ein besseres Leben, Flucht vor „Scheitern“, Suche nach Liebe, etc. – an diese Wünsche klammern sich die ProtagonistInnen vehement. Sie machen menschlich und geben Halt in einer Umgebung, die sich nicht mehr so menschlich anfühlt. Und am Ende stellt sich die Frage: Durchhalten und hängen bleiben oder aufgeben und sich fallen lassen?

Absolut sehenswert! Leider gibt es nur mehr eine Vorstellung –> 18.Dezember, 20:00, Haus Zwei

Hier der Trailer:

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