© 2015 dramagraz

Eine Kindergeschichte für Große

 Nein, Handke beschimpft zur Abwechslung mal nicht das Publikum – in der dramagraz-Inszenierung von „Kindergeschichte“ wird, völlig unprätentiös, von der Beziehung eines heranwachsenden Kindes und dessen Bezugsperson erzählt. Ein Stück, das dazu veranlasst, über die eigene Kindheit zu reflektieren.

Gemütlich auf einer Parkbank sitzend, den Blick in die unbestimmte Ferne gerichtet, die Hände sorgsam im Schoß gefalten, erzählt uns Heinz Trenczak aus Peter Handkes „Kindergeschichte“. Diese thematisiert – ganz kurz und banal gesagt – dessen erste gemeinsame Zeit mit seiner Tochter Amina, zugebracht in Deutschland und Frankreich. Erzählt wird im Präsens, um der Unmittelbarkeit willen, von der Entwicklung einer Eltern-Kind-Beziehung. Hier geht es aber nicht um die bloße Akkumulation von Anekdoten, von konkreten Ereignissen, ja, nicht einmal Namen werden genannt – vielmehr erschafft Handke in seinem Text ein Beziehungsgeflecht, ja, ein Gedankennetz, welches über Jahre hinweg weitergesponnen wird, angefangen bei der Geburt, bis hin zur Schulzeit des Kindes. Die „Kindergeschichte“ versucht, in einer gänzlich unsentimentalen Weise, zu entschlüsseln, was eigentlich mit einem Erwachsenen geschieht, der plötzlich für ein anderes Lebewesen zuständig wird.

© 2015 dramagraz

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In der dramagraz Inszenierung von Ernst Marianne Binder gibt es kein vollkommenes Hineinfallen in die Geschichte – alles wird schlicht gehalten, von der Bühnengestaltung (simpel aber passend: eine Parkbank mit Leseleuchte und im Hintergrund Kinderzeichnungen an der Wand) bis zur Erzählweise: Heinz Trenczaks über-artikulierter Sprachduktus, der fast schon an eine Lesung erinnert, verhindert jegliches Sich-Fallen-Lassen und erfordert höchste Konzentration von den Zusehenden. Ja, mit der Überbetonung der Sprache führt er fast schon zu einem Verfremdungseffekt – nichts also für jene, die sich lieber in einer Aufführung verlieren. Denn hier muss mitgedacht werden – mit dem Effekt, dass man, möglicherweise, aufmerksamer als zuvor über die eigene Kindheit reflektiert. So schafft die Inszenierung ein verspätetes Einfühlen, kein unmittelbares.

Peter Handkes „Kindergeschichte“ im dramagraz – eine Reminiszenz an das Heranwachsen des eigenen Kindes mit einem Klecks V-Effekt. Mehr Infos unter dramagraz, kurze Einblicke ins Geschehen gibt’s hier.

 

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