Musikverein und Zeitgeschichte – Von Pálsson zu Schostakowitsch

Am 24. November fand das 3. Orchesterwerk des Musikvereins Graz (Grazer Philharmonisches Orchester unter der Leitung von Svetoslav Borisov) statt, nachdem am Abend zuvor dasselbe Programm (mit der Österreichpremiere von Krzysztof Pendereckis Concertino für Trompete und Orchester) unter angeblich großem Beifall gewürdigt worden war. Auch jener (vom Schreiber dieser Rezension besuchte) zweite Konzertabend tags darauf war – im Gegensatz zu dem Liederabend der Vorwoche – gut besucht und ließ im Vorfeld so manches erhoffen und befürchten. Da das Programm sehr modern angelegt war (das älteste der drei Werke wurde 1939 komponiert), was im traditionsreichen Musikverein durchaus nicht sehr häufig vorkommt, konnte man sich in verändertem Ambiente wiederfinden, das oberflächlich betrachtet ähnlich, bei genauer Betrachtung jedoch anders, nämlich progressiv und (vernunftwidrig) kulturoptimistisch empfinden ließ.

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Svetoslav Borisov (c) Musikverein Graz

Der Abend begann mit Páll Pampichler Pálssons Symphonie Nr. 2 (2013/14) mit dem Titel Lebensklänge, dessen großer instrumentaler Umfang bereits beim Betreten des Stefaniensaales auffiel und neugierig machte. Neben den üblichen Orchesterinstrumenten erblickte man u.a. Pauken, Schlagwerke (Triangel, Basstrommel, Tamtam etc.), Marimba, Vibraphon  und ein Glockenspiel, ergänzt durch Orgelspiel und eine ungewöhnlich große Anzahl von Blasinstrumenten. Leider konnten die vier Sätze des Stücks nicht die Erwartungen erfüllen, großen Pathos in avantgardistischer Weise vorgeführt zu bekommen, da alles in allem das Orchesterwerk überladen und aufgebläht wirkte. Recht willkürlich schienen sich die einzelnen Passagen abzuwechseln, um dem Zuhörer so viel Musik wie möglich zu bieten. Es fehlte jegliche Form des gefühlvollen Verführens und Berührens, das bei so großer musikalischer Bandbreite notwendig ist. Spätestens ab dem 3. Satz fühlte man sich vom Tumult regelrecht erschlagen, und wenn man kurzzeitig versuchte, das Empfinden einer Melodie aufzunehmen, setzten jäh wie aus dem Nichts Orgelklang oder Glockenspiel ein.

Das daraufhin folgende Concertino Pendereckis (ebenfalls instrumental „gut aufgestellt“) konnte im Gegensatz zu Pálssons Symphonie zum Teil überzeugen und vermochte es, dem Zuhörer ein gespanntes, aber teils fruchtbares Verhältnis zu Gehörtem zu ermöglichen. Gábor Boldoczki an der Trompete wirkte nicht nur sympathisch, sondern spielte auch kompetent und konsequent harmonisch. Insbesondere die beiden Schlusssätze (Intermezzo. Allegretto pesante und Vivo ma non troppo Allegro assai) gefielen recht gut und ließen die Stimmung in der nun folgenden Pause (nach einer Wiederholung des Schlusssatzes) zufriedener sein, als man nach dem ersten Konzert noch geglaubt hätte.

Der musikalische Höhepunkt des Abends kam schließlich nach der Pause: Dmitrij Schostakowitschs Symphonie Nr. 6 in h-Moll (op. 54) vollendete einen interessanten Abend mit jener Herrlichkeit, die sowohl im Largo als ich auch im Presto überzeugte und das Gemüt auf mannigfache Weise zu berühren imstande war. Versöhnt und heiter konnte man nach dem großen Schlussapplaus den Saal verlassen, da die Reihenfolge der vorgeführten Werke (vermutlich zufällig) so angelegt worden war, dass die stete Steigerung des Hörgenusses (von Pálsson bis Schostakowitsch) bis hin zu erquickender Schönheit fortgeführt wurde, um den zögerlichen Beginn endlich beinahe vergessen zu machen.

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