Im Bann der Zeit

Rezension: „Der liebe Schlaf – Ein Dornröschen Ballet“ in der Oper Graz vom 08. Dezember 2015

Der Ankündigungstext auf der Website der Oper verspricht: „– und den Zuschauern wird dabei eine neue Perspektive auf „ihr“ Grazer Opernhaus garantiert.“ Dieses Versprechen wurde eingehalten. Als erstes irritiert der Blick auf die Eintrittskarte, dort steht nicht „Loge“, „1., 2. oder 3. Rang“, sondern „Freie Platzwahl“. In der Oper? Hört sich an, als wäre da wirklich etwas anders als sonst. Das war es auch.

Man betrat den Zuschauerraum und erblickte mit weißen Laken verhüllte Sitzreihen. Und eine Leiter, deren Zweck sich erst gegen Ende erschloss. Durch den Mittelgang wurde man direkt zur Bühne gelotst.

Auf der Bühne war eine dreigliedrige Tribüne aufgebaut, man ging einmal quer über die Bühne und nahm darauf mit Blickrichtung Zuschauerraum Platz. (Siehe Bild)

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Gespannt und aufgeregt besah man diese ungewohnte Seite der Bühne. Das Orchester war auch nicht wie sonst im Orchestergraben versteckt sondern in die linke Ecke der Bühne versetzt, keine zwei Meter von der ersten Reihe entfernt.

Der Titel des Abends, „Der liebe Schlaf – Ein Dornröschenballet“, ließ wenigstens eines gewiss wissen: Es handelt sich um eine Tanzperformance mit musikalischer Gestaltung. Das 16-köpfige Ballet-Ensemble wurde mit Musik von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Georg Friedrich Telemann und Antonio Vivaldi an- und begleitet. Der eigentliche Geschichtenerzähler dieses Abends war dessen Choreograph Jörg Weinöhl. Vielschichtig und stilistisch eindeutig abgrenzbar setzt er jede figürliche Verkörperung seines Ensembles in Szene. Man erkennt ohne weiteres, ja spürt fast instinktiv, wer da auf der Bühne von den Tänzern dargestellt werden soll und welche Dynamik sich mit jeder einzelnen Figur ergibt. Zur unglaublichen Körperbeherrschung und Präzision der Bewegungen, konnte man die schauspielerische Leistung bewundern. Denn trotz so großer körperlicher Anstrengung, kippte die Miene der Tänzer nie in unpassend schmerzverzerrte oder gequälte Gesichtsausdrücke, sondern blieb stets professionell leicht-lächelnd.

Zu Beginn staunte das Publikum nicht schlecht. Einige Minuten lang herrschte konzentrierte Stille und atemlose Faszination. Obwohl man keiner gesprochenen Handlung folgen musste und theoretisch den machtvollen Gesang (der übrigens nur von zwei Stimmen, einer männlichen, der von Martin Fournier, und einer weiblichen, jener von Sieglinde Feldhofer bestritten wurde) auch als bloße Rahmung hätte sehen können, ohne auf den Text zu achten, war die Darbietung alles andere als langweilig. Schlanke, athletische Körper bewegten sich so anmutig und leicht durch den Raum, als koste das Tanzen weder Mühe noch Energie. Fast schien es als schwebten die Tänzer durch den Raum und dehnten die Zeitachse hin zu einem gebannten, enthobenen Wahrnehmen jenseits des herkömmlichen Zeitempfindens. Obwohl sie hüpften, liefen, Pirouetten drehten und sich artistisch durch die Lüfte bewegten. Oder durch imaginäres Wasser schwammen.

So tauchten sie in das Märchen ein: Der graue Prolog war beendet, nachdem man den Kinder-Gaststars aus dem Märchenbuch vorzulesen begann und man Lorena Sabena die Badehaube reichte und sie ab- und damit eintauchte ins Märchen „Dornröschen“.

Die dargestellten Bilder – vom Kennenlernen des Königspaares, über das Hochzeitsfest und die Geburt der Tochter – bildeten eine harmonische Einheit und assoziierten ebenso intensive Gefühle wie die feuerwerksgleichen Lichteffekte. Trat das ganze Ensemble auf, hatte man den Eindruck ein einzelner Körper bewege sich, Soli oder Paarsequenzen erfüllten umgekehrt den ganzen Bühnenraum. Eine verzauberte Stimmung breitete sich aus.

Bis die „böse“ Fee auftauchte, ihrem Ärger Luft machte und mit ihrem Fluch den Zauber ins Dramatische verkehrte: Dianne Gray vermochte stilistisch Hektik, lauernde Feindseligkeit und trotzdem feenhafte Grazie zu vermitteln. Sie schuf durch ihren Tanz und den anschließenden Abgang eine Atmosphäre betroffener Stille in dessen Bresche nur die zwölfte Fee mit ihrem mildernden Wunsch springen konnte.

Als anschließend zum ersten Mal Bruna Diniz Afonso als Dornröschen auftrat, war man wieder besänftigt und entzückt von der jugendlichen Zartheit und dem spielerischen Reigen der 16-Jährigen Königstochter. Energetisch und unbelastet frohlockte sie über die Bühne. Die roten Schleifen ihres unschuldig weißen Kleides zu Maschen gebunden.

Lässigkeit und Freude aber auf andere Art und Weise drückten anschließend die vier Köche aus, die mit den Vorbereitungen zum Geburtstagsfest beschäftigt waren. Konterkariert wurde ihre einfach erscheinende Profession von einer neckischen Tellerwäscherin.

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Dornröschen kehrt unbeschwert und nichtsahnend mit der Spindel in der Hand zurück. Man hält den Atem an. Im Tanz löst sie jedoch nur nach und nach die Schleifen ihres Kleides, sticht sich dann völlig unspektakulär an der Spindel und fällt leblos zu Boden, wo sie liegen bliebt und die Zwischensequenz einleitet.

Diese („Back in Grey“) zeigt die Reaktionen der anderen auf das Geschehene, ein hektisches Chaos, Verzweiflung und Trauer noch unterstützt durch die Klänge des Chores aus der linken Ecke der Bühne neben dem Orchester.

Es betteten sich das Königspaar, die Feen und alle anderen solidarisch zu Dornröschen, jeweils zwei Kinder (eines in weiß und ein zweites mit Maske in schwarz) reichten ihnen Kissen und wachten neben den Schlafenden. Dazu ertönte ein einsames Cembalo-Spiel Händels. Als letzte verabschiedeten sich die zwölfte und 13. Fee mit einem Paartanz, der Verbunden- und gleichzeitig Zerrissenheit zeigte.

Dass sich Medieneinsatz auch in der Oper Beliebtheit erfreut, zeigte der Einsatz einer Radiosequenz. Ähnlich wie zuletzt im Schauspielhaus bei „Cactus Land“ übernimmt der O-Ton die Funktion des „In-die-Gegenwart-Zurückholens“ – Die Durchsage sagt die Halbzeit des hundertjährigen Schlafes an und kündigt einen Krisengipfel in 50 Jahren an. Langsam beginnen alle aufzuwachen, zuletzt auch Dornröschen und zwar als sich das Vorhandensein der Leiter endlich erklärt. Der Prinz, auf modernen Mann getrimmt, mit blauem locker sitzenden Anzug, Hornbrille für den intellektuellen Touch und schneidigem, wenn auch lichtem Haar erscheint im Zuschauerraum auf Höhe der Mitte des ersten Ranges und kommt die Leiter runter auf Dornröschen zu.

Kein Kuss, dafür eine Art Schwenzeltanz, der sie mitreißt, erweckt Dornröschen endgültig. Das Orchester steigert die Intensität des Moments, ebenso wie der erstmalige Einsatz beider Sänger im Duett. Man freut sich mit dem jungen Paar und muss unwillkürlich grinsen. Stirn an Stirn, verliebt und überglücklich verharren die beiden danach atemlos.

Nach und nach gesellen sich alle anderen hinzu, vom Chor her ertönt ein mehrstimmiges „Happy Happy Ending“, von der Decke wird noch einmal das Glühbirnenmeer heruntergelassen, das Ensemble bewegt sich individuell und doch gestimmt im Freudentaumel und geht ab.

Der Zuschauer sieht sich wie aus einem Traum erweckt, vom Bann des Gesamtkunstwerkes befreit und entdeckt die Uhr direkt am Bühnenrand, die zwar die ganze Zeit über da war, aber über den Moment hinaus keine Bedeutung hatte. Weil Zeit im traumwandlerischen Schlaf solange keine Bedeutung hat, bis der rechte Zeitpunkt zum Aufwachen gekommen ist.

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