Luisa Miller – Liebe, Intrigen und Gift

Am 12. Dezember fand die Premiere einer Neuinszenierung der Oper Luisa Miller von Giuseppe Verdi in der Grazer Oper statt, die somit zum überhaupt ersten Mal in Graz vor Publikum präsentiert wurde. Für die Inszenierung der 166 Jahre alten Verdi-Oper war der gebürtige Wiener Paul Esterhazy verantwortlich, der es ungewöhnlich gut verstand, moderne sowie klassische Aspekte zu einer angemessenen Symbiose zu vereinen. Dass nicht jeder Opernbesucher mit gewissen neuinterpretierten Darstellungen einverstanden war, konnte man spätestens am Ende der ersten Hälfte akustisch vernehmen, als mit dem Erschallen empörter Buhrufe der Applaus entsprechend leiser und auch weniger wurde.

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(c) Oper Graz

Die Oper basiert auf Schillers bekanntem Stück Kabale und Liebe und schildert die unglückliche Liebesbeziehung zwischen der Bürgerstochter Luisa (eigentlich Luise) und dem adeligen Rodolfo (eigentlich Ferdinand), die nicht nur aufgrund des Standesunterschiedes, sondern auch aufgrund verschiedenster Triebfedern anderer an dem Intrigenspiel beteiligter Figuren scheitert. Die Väter der beiden Liebenden versuchen aus unterschiedlichen Beweggründen die Liaison zu unterbinden, Wurm begehrt die schöne und unschuldige Luisa und vermag es schließlich sogar, Luisas Vaterliebe gegen die Verbindung zu Rodolfo auszuspielen, um dessen Platz einnehmen zu können. Am Ende tötet Rodolfo bekanntlich Luisa und sich selbst mit Gift, um in rasender Eifersucht dem augenscheinlichen Nebenbuhler nicht kampflos das Feld überlassen zu müssen.

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(c) Oper Graz

Bühnenbild und Kostüme wurden in „historischem Gewand“ dargebracht, wogegen sich all jenes, was an der Inszenierung modern und provokant war, beinahe zu sträuben pflegte. Auf eine geschickte Art und Weise wurden also althergebrachte Operntugenden mit progressivem Ausdruck vermischt, um jedem Zuschauer die Erwartungshaltung zugleich zu erfüllen und auch zu enttäuschen. Mit vielerlei Symbolik wurde die Bühne ausgestattet, in jedem Detail konnte man einen Gedanken entdecken, der für das Stück nicht zu etwas Grundlosem, sondern durchweg Essentiellem werden durfte. Jene Akribie fand sich auch in den Bewegungen und Verhaltensweisen der Figuren wieder.

Auffallend war an der Inszenierung nicht nur die teils groteske Darstellung einzelner Figuren (vor allem von Wurm, der immer wieder durch den Raum kriecht oder im Spiegel erscheint und sich somit penetrant in Erinnerung ruft), sondern auch der Versuch, die Oper stilistisch als Film Noir zu präsentieren (man verzeihe mir diesen Vergleich!), wobei auch Nacktszenen und Krimimotive in größerer Menge vorkommen und das Original hierdurch inhaltlich beeinträchtigen. Manche Szene wirkte dementsprechend etwas aufgesetzt, da sie mit dem gesungenen Text nicht mehr ganz übereinstimmte. Vor allem die Widersinnigkeit des dem ursprünglichen Stück hinzugefügten Sexualaktes zwischen Wurm und Luisa zeigte sich in ganzer Deutlichkeit, als am Ende noch immer von Luisas Unschuld gesungen wurde, da ja in Schillers Kabale und Liebe das Mädchen rein und unbefleckt aus dem Leben scheidet. Die Darstellung jenes Sexualaktes war sehr gelungen, jedoch die Bedeutung des Originals musste hierdurch aufgegeben werden. War bei Schiller und Verdi Luisa ein Ideal der Tugendhaftigkeit, wurde sie bei Esterhazy mit menschlichen Zügen ausgestattet, die nicht mehr die Frage nach Tugend, sondern die Frage nach gesellschaftlich richtiger Entscheidungskraft in den Mittelpunkt stellte. In diesem Punkt war der Zeitgeist dann wohl doch leider zu stark. Zudem war es absurd und unnötig, aus Luisas Vater einen Geistlichen zu machen und Graf Walter subtile homoerotische Tendenzen anzudichten.

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(c) Oper Graz

Trotz jener philosophischer und ethischer Mängel ist Esterhazy mit seiner Inszenierung eine frische und großenteils faszinierende Oper gelungen (von der allbekannten Musik, die ich hier beiseitelassen will, ganz zu schweigen), die aufgrund vieler Einzelheiten, deren Aufzählung den Rahmen dieser Rezension sprengen würde, aus dem Sumpf vieler neuinszenierter Opern heraussticht und das Herz des Zusehers erfreuen kann. Und wenn man es zudem schafft, etwas Nacktheit auf der Bühne ohne zu große Scham zu ertragen, steht einem tiefsinnigen und berührenden Opernabend nichts mehr im Wege.

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