Reigen der Wünsche

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Franz Solar begehrt in Kreise / Visionen seinen Diener, gespielt von Benedikt Greiner. © Lupi Spuma_0er_021

Einen Theaterabend der etwas anderen Art bietet Dominique Schnizers Inszenierung von Joël Pommerats Kreise / Visionen im Grazer Schauspielhaus.

Einem Showmoderator nicht unähnlich schlendert Benedikt Greiner mit Mikrofon und Anzug auf die Bühne und erkundigt sich nach dem Befinden des Publikums. Das Erstaunen verstärkt sich weiter, als er erläutert, alle Geheimnisse und Begierden zu kennen und zu einem großen Spiel einlädt, bei dem es alles zu gewinnen und wenig zu verlieren gibt. Lichtpunkte kreisen im Saal, die Spannung scheint aufgeladen und das Unendlichkeitsspiel beginnt.

Geschichte des Strebens
Glück und Erfüllung ist für jeden Menschen etwas anderes. Als Streifzug durch die Jahrhunderte begibt sich Kreise / Visionen auf die Spuren der genuin menschlichen Suche nach dem Vorwärtskommen, nach Idealen und dem Sinn im Leben. Acht Geschichten erstrecken sich in mehr als 20 Szenen vom 14. Jahrhundert bis heute, unterbrechen einander, werden fortgesetzt oder nur als vorbeiziehende Standbilder ins Gedächtnis gerufen.
Es ist ein Reigen der Wünsche und des Strebens, der nicht außer Acht lässt, dass die Erfüllung aller Träumen einen Menschen auch in den Wahnsinn treiben kann: Die Vision des beruflichen Aufstiegs verkörpern zwei obdachlose Frauen, die einem soeben beförderten Geschäftsmann weitere Erfolge prophezeien, wenn er einer von ihnen Liebesdienste erweist. Gedrängt von seiner Frau lässt er sich darauf ein und rückt im Unternehmen immer weiter auf, weil hohe Stellungen durch plötzliche Todesfälle vakant werden. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere bricht er unter den stolzen Blicken seiner Frau zusammen.

Unsicherheit und Aufbruch
Ein Aristokrat (Franz Solar) offenbart seinem Diener im 20. Jahrhundert sein Begehren nach ihm, doch dieser wünscht sich nichts sehnlicher, als in den Krieg zu ziehen, bestärkt von der Dame des Hauses, die der Meinung ist, dass Töten zugunsten der Zivilisation und für Ideale gerechtfertigt ist. Ein Ritter lobt im Gebet die Vorzüge des Lehenseides und beklagt die herrschende Gottlosigkeit. Das Ende der feudalen Verhältnisse hingegen verkündet obige Hausherrin, die den neuen Bediensteten ihr Konzept des Tauschverhältnisses erläutert, bei dem sie für eine Dienstleistung entlohnt werden. Für die Unsicherheit der jungen Generation stehen vier Jugendliche, die sich im Wald verirren und im Kreis laufen.

Kreisende Visionen

Dominique Schnizer realisiert den Titel des Stückes durch die Drehbühne. Die Visionen kreisen gleichsam vor den Augen des Publikums. Das Stück lebt von dieser Dynamik. Die Darsteller bewegen sich auf der Bühne zwischen den Zeiten. Die sparsame Bühnenausstattung und die Kostüme, beides von Christin Treunert, ermöglichen die Orientierung zwischen den Jahrhunderten.
Erfolg und Leid stehen einander in Kreise / Visionen oft nahe. Besonders fulminant zeigt das Franz Solar, der als reicher Unternehmer Arbeitslosen wort- und gestenreich beizubringen versucht, wie man sich im Gespräch mit einem Arbeitgeber verkauft. Als die teure Maschine, die bisher ein Organ seines kranken Sohnes ersetzte, nicht mehr funktioniert, bietet er Obdachlosen verzweifelt Unsummen für das benötigte Organ.

Appell an das Publikum
Wiederholt wird das Publikum erinnert, dass es sich in einem Spiel befindet. Die einzige Regel lautet, an sich selbst zu glauben, was Benedikt Greiner mit einem charmant vorgetragenen Liedchen illustriert. Als das Stück zu Ende ist, fängt das Spiel jedoch erst richtig an. Kreise / Visionen konfrontiert mit Fragen nach Macht und nach dem richtigen Umgang miteinander, präsentiert Lebensausschnitte, eine Schau, aus der man lernen und sich etwas aussuchen kann. Das Publikum, so heißt es, soll erraten, was es wirklich will. Daraus lässt sich schließen, dass die richtige Vision zum Mittelpunkt des Kreises führen wird.

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