Erbbiologisch und sozial minderwertig

Zum letzten Mal in der heurigen Wintersaison gastierte das preis- und erfolgsgekrönte Puppenspielstück von Nikolaus Habjan und Simon Meusburger am Grazer Schauspielhaus über die Lebens- und Leidensgeschichte Friedrich Zawrels.

Zeiten, in denen mit 1 Schilling sich eine siebenköpfige Großfamilie satt essen konnte, scheinen hierzulande längst vergessen zu sein. Dabei war dies vor nicht einmal 70 Jahren Realität – so, wie sie Friedrich Zawrel, Überlebender der Kinder-Euthanasie der NS-Zeit, kannte. Geboren 1929 als uneheliches Kind, war seine Kindheit von unstabilen Familienverhältnissen, heftigstem Mobbing in der Schule und vernachlässigter Bildung geprägt. Er wurde von Heim zu Heim und von Anstalt zu Anstalt geschoben, obwohl er – aus heutiger Sicht – vollkommen gesund und entwickelt war. Die Gutachten lautend auf „nicht erziehbar“, „Missgeburt“ und „erbbiologisch und soziologisch minderwertig“ führten zu psychischen und physischen Malträtierungen seitens der Ärzte und Pfleger.

Es ist unvorstellbar, welche Grausamkeiten und Schikanen Herr Zawrel vom zarten Kindesalter an und weit bis ins hohe Alter durchstehen musste. Nach der Befreiung stand seine Vergangenheit zudem der Aufnahme eines „normalen“ Leben im Wege. So schlittete er ab in die Kleinkriminalität, wobei er sich selbst nicht als „Dieb aus Leidenschaft“ sah. Trotz aller Unterechtigkeiten und Demütigungen, die er hinnehmen musste, verlor er doch nie seinen selbstironischen Humor und geistreichen Witz.

Zawrel
F ZAWREL Nikolaus Habjan (c) Sabine Hauswirth

Musik, Licht, Puppen, Text, Video – alles verschmilzt zu einem zutiefst bewegenden und mitreißenden Ganzen. Aber nicht nur Zawrels Geschichte traf die Herzen und Gemüter der Zuschauer; der beinahe hinter den Figuren verschwindende Schau- und Puppenspieler Nikolaus Habjan brillierte wieder einmal durch seine vielseitigen Interpretationsfähigkeiten. Er scheut sich nicht davor, sensibles Terrain (Infragestellung der Annexion, Korruption der Justiz sowie Protektion von unter dem NS-Regime aktiven, „angesehenen Mitglieder der Gesellschaft“) zu begehen und die Zuschauer zu erschreckenden Einsichten und Wahrheiten zu führen.

Der Februar 2015 verstorbene Herr Zawrel war seit seiner Entlassung Anfang der 1980er Jahre kontinuierlich als Zeitzeuge in Schulen auf Besuch, um die nachkommende Generation zu sensibilisieren. Zawrels größter Schatz war sozusagen seine „Fanpost“ – die vielen Briefe, die die Schülerinnen und Schüler als Reaktion auf seine Vorträge verfassten, um sich bei ihm zu bedanken. „Wir haben scho a leiwande Jugend“.

In einem Wechselspiel zwischen Fiktion und Realität überlässt Habjan Herrn Zawrel selbst mit dem wie für das Stück geschaffene Gedicht Was geschieht des jüdischen Dichters Erich Fried die Schlussworte. Selten würdigte das Publikum eine Aufführung mit solch minutenlangem Applaus und Standing Ovations.

Erbbiologisch und sozial minderwertig – welches nun auch als DVD erschienen ist – sollte als Pflichtstück von jeder und jedem gesehen werden. (NB: Die nächste Gelegenheit in Graz ist am 26. März 2016, siehe hier). Insbesondere in der Weihnachtszeit sollte man sich vor Augen führen lassen, in welchem Luxus und Frieden wir leben und wie gut es uns eigentlich geht. Vor allem aber müssen wir dafür sorgen, dass sich die Grausamkeiten und Verbrechen der Vergangenheit nicht wiederholen. Dies zu vermitteln, lag Herrn Zawrel eindeutig am Herzen.

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