Welches Ende wirst du finden?

Schiffe, die im Mittelmeer versinken – das könnte leider auch aus einem aktuellen Zeitungsbericht stammen, ist in diesem Fall aber der Ausgangspunkt der Aufführung. Idomeneus führt die Zuseher*innen weg vom aktuellen Kontext und hinein in den antiken Mythos. Unter der Regie von Jérôme Junod haben Studierende der Kunstuniversität Graz den Mythos um König Idomeneus auf der Bühne zum Leben erweckt und kreisen um die Frage, wie es wirklich wa(h)r.

Idomeneus Ensemble (c) Lupi Spuma

Idomeneus Ensemble (c) Lupi Spuma

Nach Ende des trojanischen Krieges gerät König Idomeneus auf der Rückreise nach Kreta in einen furchtbaren Sturm, durch den 79 seiner 80 Schiffe versinken. Nur durch einen Handel mit dem Gott Poseidon kann er ein einziges Schiff retten: Er verspricht das erste Lebewesen, das ihm auf der heimatlichen Insel begegnet, dem gnädigen Gott zu opfern. Das ist nur unglücklicherweise – wie könnte es aber auch anders sein – sein eigener Sohn Idamantes.

Zum weiteren Verlauf der Geschichte gibt es verschiedene Varianten – angefangen von der bestialischen Abschlachtung des eigenen Sohnes über mythische, zu bekämpfende Kreaturen bis hin zur Lösung, das Poseidon schlussendlich auf das Opfer verzichtet. Als eine der bedeutendsten Verarbeitungen des Mythos‘ gilt die im Geiste der Aufklärung entstandene Oper Idomeneo von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die im Schauspielhaus Graz umgesetzte Inszenierung nach Roland Schimmelpfennig, der vor allem für sein Stück Der goldene Drache bekannt ist, wählt nicht ein Ende, sondern wirft die Entscheidung darüber den Zuseher*innen zu. Wie schon in anderen Werken zuvor ist auch Idomeneus vom Prinzip des epischen Erzählens geprägt. In 18 Szenen wird die Geschichte immer und immer wieder aufgerollt und dabei neue Perspektiven aufgeworfen. Mal sprechen die zwölf Schauspieler*innen im Chor, mal einzeln, zum Teil auch gegeneinander, wenn sich die Ansichten der Figuren über die Wirklichkeit widersprechen. Ein empörtes ‚Nein, so ist es nicht gewesen!‘ ist des Öfteren zu hören. Die Narration entwickelt dabei – auch wegen des genialen Spiels der Schauspieler*innen – eine Sogwirkung, der sich die Zusehenden nicht entziehen können.

Die Welt des Mythos – die Menschen- und die Götterwelt – spiegelt sich in der Inszenierung in Graz wider: Jede der zwölf Figuren der Bühne repräsentiert einen der zwölf olympischen Götter im engeren Sinn. Diese sind durch ihre Kleidung sowie ihr Auftreten klar erkennbar. Auch die Hierarchie zwischen den göttlichen Eltern (Zeus und seinen vier Geschwistern) und ihren Kindern wird im Spiel deutlich – weichen die Vorstellungen der Generationen darüber, wie der Mythos sich wirklich abgespielt haben soll, doch deutlich voneinander ab. Diese weitere Ebene – auf der einen Seite der Text, auf der anderen Seite die göttlichen Figuren – gibt der Inszenierung eine zusätzliche Tiefe und lässt die Interaktionen in einem anderen Licht erscheinen.

Am Schluss bleibt dem Zusehenden nur eine Frage offen:

‚Welches Ende wirst du finden?‘

Die nächste Aufführung findet am 30.Jänner 2016 statt.

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