Babuschka, o Babuschka! – Der Opernball in neuem Kleid

Die Wiener Operette „Der Opernball“ von Richard Heuberger aus dem Jahre 1898 befindet sich in dieser Saison als Neuinszenierung im Programm der Grazer Oper, wobei großen Wert darauf gelegt zu werden schien, das Werk mit neuen Facetten zu bereichern und partiell in die Gegenwart zu verlegen, was sich u.a. auch durch eine neue Textfassung ausdrücken sollte. Für die Inszenierung war Bernd Mottl verantwortlich, für das Bühnenbild Friedrich Eggert und die musikalische Leitung übernahm Marius Burkert und Marcus Merkel.

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(c) Werner Kmetitsch

Kurz zur Handlung: Im Paris der Karnevalszeit statten Paul Aubier und seine Frau Angèle den Gatten Georges und Marguérite Duménil einen Besuch ab, in dessen Rahmen die beiden Damen an der Treue ihrer Ehemänner zweifeln und diese durch eine Wette auf die Probe zu stellen gedenken. Am Opernball führen schließlich die Klugheit der Ehefrauen und die Macht des Zufalls zu immer verwinkelter werdenden Wirrsalen, die erst aufgedeckt werden, als Paul Aubier und Georges Duménil am nächsten Tag das Spiel der Ehefrauen durchschauen und das Kammermädchen Hortense als zentrale Figur der Verwirrspiele entlarvt wird.

Bereits am Beginn der Operette kann man – auch ohne den Originaltext zu kennen – gravierende Veränderungen und Modernisierungen bemerken, die jedoch insbesondere in der ersten Stunde nicht stören, vielmehr angemessen belebend wirken. Da Bühnenbild und Kostüme elegant und feierlich gehalten sind, kann solcherlei Auffrischung eines scheinbar nicht mehr ganz zeitgemäßen Ambientes durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen werden. Was jedoch am Ende der ersten Hälfte passiert, nachdem das Palais verlassen und dem Publikum Einblick in das Geschehen am Opernball gewährt ist, grenzt an Hohn und mag an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten sein. Die elegante Kleidung wird am Opernball von Lackkostümen abgelöst, hektisch werden Schlüsselszenen des Heuberger’schen Originals übersprungen, im Gegenzug wird eine lächerliche, für die Handlung vollends unnötige Transvestiten-Tanzeinlage dargeboten, und mit der Andeutung eines beginnenden Liebesspiels, das durch den vom Oberkellner zugezogenen Vorhang schließlich doch noch verdeckt wird, beginnt endlich die Pause.

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(c) Werner Kmetitsch

Vielleicht wirkte gerade jener Gegensatz zwischen dem erheiternden Beginn und dem plötzlich eintretenden Niedergang in Stil und Darstellungskunst in außergewöhnlich hohem Maße erschütternd, sodass man zur Pause nur noch hoffen konnte, dass die zweite Hälfte zu dem ordentlichen Beginn des ersten Akts zurückfindet (man wird ja mit der Zeit genügsamer). Dies geschieht leider nicht! Im Gegenteil: Die gesamte zweite Hälfte wird zum Sammelsurium entbehrlicher und lächerlicher Darstellungsformen, angefangen bei einer sich drehenden Kulisse (samt kartenspielender Bühnenarbeiter!), immer legerer werdender Kostüme, dem Auftauchen anachronistischer Utensilien (Handys) und das bereits in der ersten Hälfte sich ständig wiederholende Wachrufen antikapitalistischen und marxistischen Gedankenguts – als ob man Originalität und Tiefe durch ein „Machen wir mal was Neues und setzen es albern in Szene“ ersetzen könnte! Vom Originalstück ist jedenfalls kaum etwas übriggeblieben – selbst die Liedertexte wurden kastriert, umfunktioniert und schließlich in vulgärer neuer Kleidung präsentiert. Und manches Lied wurde gar ganz weggelassen.

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(c) Werner Kmetitsch

Es mag schon sein, dass man den Niedergang des zu Beginn vorgespielten Prunks entlarven wollte, indem man die banale Wirklichkeit der Darsteller heraushob und bis zur Lächerlichkeit weitertrieb – Amüsement und psychologischer Raffinesse blieben hierbei jedoch auf der Strecke und übrig blieb eine Beleidigung eines jeden Kunstfreundes, sofern es solche in Graz überhaupt geben sollte. Denn was sich das Grazer Publikum, ohne zu murren, gar applaudierend bieten lässt, könnte man als Zeichen des Verfalls guten Geschmacks, oder aber als schleichende, endgültige Resignation vor dem Zeitgeist auffassen.

Als politisches Instrumentarium mag das Stück für gewisse Kreise erheiternd sein, vor allem für jene, die in der Entzauberung durch das Mittel der Primitivität ein zeitgenössisches Erfordernis erblicken – mit Heubergers Opernball hat das jedoch nur noch in Ansätzen etwas zu tun. Und diese Ansätze sind zwischen Travestie und Anspruchslosigkeit kaum noch zu erkennen. Zur Genesung möge man sich die Aufzeichnung einer älteren Fassung zu Gemüte führen.

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