Cactus Land – Über Krieg und Liebe

Wo immer zwei Menschen aufeinander treffen, bricht Krieg aus. (Cactus Land)

„Cactus Land“: Inszeniert von Regisseurin Lily Sykes, wurde am 24.10.2015 im Schauspielhaus in Graz uraufgeführt. Der Protagonist heißt Alex Lewis und wird von Jan Brunnehoeber in der Rolle des seelischen verwundeten Kriegsfotografen verkörpert, dessen Geschichte an das Buch „My War Gone By, I Miss It So“ von Anthony Lloyd angelehnt ist. „Cactus Land“ spielt vermutlich in den 1990er Jahren im Rahmen der Jugoslawienkriege.

Die Besetzung setzt sich aus dem Protagonisten Alex Lewis, seiner Mutter Valerie, seiner Schwester Natascha und seiner emanzipierten Kollegin Martha zusammen. Die Zutaten für dieses gelungene Stück heißen Liebe, Krieg und Vaterprobleme.Die Handlungsmotive lassen an Tolstois „Krieg und Frieden“ denken.

Drei zentrale Konflikte ziehen sich durch die Handlung wie ein roter Faden: Der unverarbeitete Konflikt mit seinem Vater, nach dessen Anerkennung er sich sehnt, die entwicklungspsychologische Ursachen hat. Eine Vaterbeziehung ist immer identitätsstiftend, doch verweigert ihm sein Vater vor dessen Tod die Versöhnung. Alex leidet an der Zurückweisung seines Vaters. Was zurück bleibt, ist ein hasserfülltes Fax seines Vaters. Liebe, oder zumindest das Loslassen der erotischen Liebe bereit Alex offensichtliche Probleme – dies ist gekennzeichnet durch einen Luftballon, den er gegen Ende des Stücks festhält, es aber nicht über´s Herz bringt, ihn los zu lassen…. Als dritten Konflikt ist seine Sehnsucht nach Kriegsabenteuern deutlich zu erkennen, die den Protagonisten aus seinem scheinbar leeren und sinnlosen Leben befreien sollen, das durch das wiederholte Vorlesen des Schriftzugs „Wash&Go!“ auf seinem Duschgel gekennzeichnet ist.

Der Dramaturg arbeitet im Bühnenbild mit ziemlich einfachen Mitteln: Während der ganzen Vorstellung steht ein großes Doppelbett mittig auf der Bühne, das Schauplatz im Hotel „Cactus Land“ ist. Das Bett verliert seine ursprüngliche Funktion ein Bett zu sein, da sich alle Darsteller unmittelbar abwechselnd oder gleichzeitig in der Nähe des Bettes befinden. Das Bühnenbild ist nahezu dunkel, nur hin und wieder flackert eine Lampe auf, die das Bild in ein gedämpftes Licht taucht. Für die Musikuntermalung sorgt ein anmutig wirkender Frauenchor in der Trauerfarbe Schwarz, der in einer Szene seine Großmutter (seine Kindheitserinnerung) darstellt.

Schauspieler Jan Brunhoeber (in der Rolle des Alex Lewis) hat die Begabung, von Null auf 100 aus der Haut fahren zu können und beweist auf der Bühne ein großartiges Stimmvolumen, das den Zuschauer für den Moment seines inszenierten Wutanfalls in ein Schaudern versetzt. Das Zimmermädchen ist auffallend reizvoll gekleidet, das den Zuschauer in dem Glauben lässt, dass sich zwischen Alex und ihr eine Liebesbeziehung anbahnen wird – das ist jedoch nicht der Fall; so bleibt die reizvolle Kostümierung des Zimmermädchens ein Rätsel.

Ein weiteres Rätsel ist auch die dramaturgische Umsetzung der riesigen, beleuchteten Kunststoffköpfe auf den Häuptern der Darsteller. Was Kunst ist und was nicht, darüber lässt sich zweifelsohne streiten, jedoch können die Kunststoffköpfe als Verfremdungseffekte, die auf den russischen Formalisten Viktor Sklovskij zurück zu führen ist, interpretiert werden.

Formal gesehen hat „Cactus Land“ avantgardistische Züge, die mit einer Brechung der Illusion, der Entrümpelung der Bühne und mit einem Ausbruch aus darstellenden Konventionen einhergeht.

 

 

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