Die mitreißende Zerrissene

In der Vorankündigung hieß es, diese Oper sei niemandem ‚wurscht‘. „Mitreißender als ‚Romeo und Julia‚ “ war mein erster Gedanke nach dem Besuch von „Luisa Miller“ in Graz am Sonntag. Bei genauerer Analyse entdeckt man jedoch noch sehr viel mehr als bloßes emotionales Leid.

Luisa Miller (Sophia Brommer), Tochter des protestantischen Pastors Miller (Elia Fabbian) und Rodolfo (José Manuel), Sohn des machthungrigen Grafen Walter (Petar Naydenov), haben sich ineinander verliebt. Der pubertierende Tenor handelt wie ein klassischer italienischer Opernprotagonist – nämlich noch bevor er denkt Erst in der Stunde des Todes erkennt er sein Vertrauensmanko, nachdem er seine Geliebte und sich selbst bereits vergiftet hat. Der Grund für dieses tragische und zum Anschauen/-hören so herzzerreißende Ende der Liebesgeschichte ist einfach: Das Paar ist handlungsunfähig, ob seiner tyrannischen Väterfiguren und ob – der übermäßigen Betonung des Über-Ichs im freud´schen Sinne – dem Richten und Handeln nach gesellschaftlichen Konventionen und Standesschranken einer Gesellschaft, durch die sich die beiden immer tiefer in ein, durch „Wurm“ (Wilfried Zelinka), aka der paradiesischen Schlange oder dem Teufel höchstpersönlich, provoziertes Dilemma verstricken, das schließlich nur mehr den Tod als Ausweg kennt.

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(c) PhotoWerk, Werner Kmetitsch (Oper Graz)

Nora Schmidt, die neue Intendantin der Grazer Oper, hat sich mit der Geschichte des Hauses bei Amtsantritt sehr genau auseinandergesetzt und die „Lücke“ entdeckt, die das Ignorieren dieser frühen Verdi Oper und seiner dritten Bearbeitung eines Schiller Stoffes darstellt. Seit dem Bestehen des Grazer Opernhauses – heuer 166 Jahre – wurde diese Oper nie inszeniert. Daher nahm sich gleich in der ersten Spielzeit Paul Esterhazy einer Aufführung an.

Es verbinden sich das Schicksals- und das Liebesthema im Motiv der Erinnerung. Verdi setzt dafür gläsern klingende Flöten, Celli und Klarinetten zueinander in Position und verbindet die Motive im selben zweitaktigen daktylischen Grundmuster. Wurm wird ein sehr passendes Trillern zugeordnet. In Rodolfos „Göttliche Kantilene“ am Ende des zweiten Aktes folgen die Streicherakteure der chromatisch absteigenden Sinfonie. Die abschließenden Oboen korrespondieren mit seiner Klage „Ah! Mi tradia“ („Ah! Sie hat mich betrogen“). In Luisas Arie am Beginn des zweiten Aktes entfaltet sie einen Dialog mit Wurm, der diesen schön kontrastiert. Das Orchester unter der Leitung von Robin Engelen sollte diese in der Komposition angelegten Feinheiten umsetzen und tat das auch meist.

Paul Esterhazys erkannte nicht nur die wahren Liebesszenen, die Verdi schrieb, nämlich, die die sich zwischen Luisa und ihrem Vater abspielen, sondern auch den streng parallelen Aufbau des Schiller Stückes. Dies ist am offensichtlichsten am Bühnenbild Mathis Neidhardts zu erkennen, durchzieht aber die gesamte Inszenierung wie ein roter Faden. Alle drei Akte („Liebe“, „Intrige“, „Gift“), jeweils etwa eine Stunde in der Dauer, spielen nur an zwei Orten: Dem Heim des Pastors Miller und seiner Tochter sowie dem Anwesen des Grafen Walter. Beide Plätze enthalten dieselben reduzierten, aber jeweils funktionellen Requisiten – einen Kamin, einen Sessel, einen Spiegel und eine Kiste sowie die jeweiligen Kinderportraits der Liebenden. Der Ortswechsel kommt nur durch hoch- oder niederfahren des Mittelteils der Bühnenkonstruktion zustande. Im Sessel brüten die beiden „Überväter“ ihre Pläne und ihre Verzweiflung aus. Der Spiegel veranlasst die Figuren nicht, sich selbst zu sehen, sondern das verzerrte Bild der eigenen Zerrüttetheit. Die Kiste beherbergt den todbringenden Giftbecher. Die Portraits werden auf- und abgehängt, je nachdem, ob dem vorgegebenen Erwartungen entsprochen wird und fallen schließlich ganz zu Boden.

Der Chor übernimmt eine kommentierende Funktion und singt von der Seite der Bühne hinter einer halbdurchsichtigen Wand. Die einzige Figur, die diesem Parallelismus trotzt, ist der skurril wirkende, abscheuliche Wüstling Wurm, großartig gespielt vom Bass-Bariton Wilfried Zelinka. Esterhazy hat ihn bewusst „außen vor“ und nach Vorlage von Charles Dickens’ Bösewichten inszeniert. Auch mutet Wurm einem manchmal wie ein umhergeisternder Mr. Hyde (aus „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson) an.

Nicht nur der furchtbare Cliffhanger zur Pause – (die schauspielerische Leistung überzeugte nicht nur in dieser Szene vollends) die nicht nur angedeutete Vergewaltigung Luisas durch Wurm, sondern auch die zweiten anderthalb Stunden – lösen das Versprechen vom Anfang ein: Niemand verließ am Ende nicht ergriffen, welcher Art auch immer, seinen Platz.

 

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