Wenn General Angst kommandiert

Im Grazer Forum Stadtpark erwachen die Revolutionen des vergangenen Jahrhunderts erneut zum Leben, um mit Wortkaskaden des deutschen Autors Heiner Müller vor den Augen des Publikums zu scheitern. Vier Frauen beeindrucken in Ernst M. Binders Inszenierung von Wolokolamsker Chaussee.

Wie eine Mahnung an das Publikum erklingt Müllers Stimme zu Beginn über Lautsprecher: „Das ist eine pessimistische Version dessen, dass die Festung Europa halten wird.“ Was kommt, kann nicht aus der bequemen Perspektive des nachzeitigen Beobachters betrachtet werden. Vielmehr drängt sich der Gedanke auf, dass Europa seither nie so nahe an Umbrüchen war wie genau jetzt.

Mitten im Zweiten Weltkrieg

An der Verbindungsstraße Wolokolamsker Chaussee, „2000 Kilometer weit Berlin, 120 Kilometer weit Moskau“, stockt der Vormarsch der deutschen Wehrmacht auf die russische Hauptstadt. Ein Kommandeur der roten Armee versucht, die Disziplin der kriegsmüden Soldaten aufrechtzuerhalten. Das Bataillon erwartet die Ankunft der Deutschen, „General Angst“ hat sich eingeschlichen und sitzt auch dem Publikum buchstäblich im Nacken. Geflüsterte Warnungen verursachen Gänsehaut, während Vera Hagemann, stramm, stimmgewaltig und mit kaltem Blick dem entgegenwirkt. Nach dem Befehl, einen Soldaten, der bei einer Übung geflüchtet ist und sich in die Hand geschossen hat, zu erschießen, liegt erstmals etwas wie Menschlichkeit in den Worten des Kommandeurs, wenn sich zu Stolz und Machtgefühl auch Scham, Wut und Trauer gesellen.

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© dramagraz

Genosse Stalins Panzer

Carlos Schiffmanns Bühnenausstattung ist spartanisch, aber mehr als ein Militärfahrzeug und Tarnfarben an den Wänden braucht es nicht, um das Publikum an die Schauplätze der Brennpunkte des 20. Jahrhunderts zu führen. Dabei bleibt viel Spielraum für die eigene Phantasie, getragen durch Heiner Müllers Text, den Vera Hagemann, Mona Kospach, Gina Mattiello und Ninja Reichert in militärischem Stakkato und mit hoher Präzision vortragen, häufig im Chor, wenn beispielsweise die Frontsoldaten sich beim Kommandeur wegen ihres Hungers beklagen. Nach sieben Tagen Schlacht steht es um das Bataillon nämlich schlecht. „Du hast uns in den Tod geführt, führe nicht mehr“, verlangen sie, doch der Kommandeur setzt sich über seine Zweifel hinweg, es wird weitergekämpft, denn „so lange wir kämpfen, sterben Deutsche“.

Vergeblichkeit und Scheitern

Auch Dmitri Schostakowitsch kommt zu Wort und mahnt in einer Rundfunkansprache, dass auch die Kunst in Gefahr ist und geschützt werden muss. Der aus den Zuschauerreihen vorgelesene kurze Text wirkt allerdings aus dem Konzept gerissen. Viel passender ist die wieder über Lautsprecher zu vernehmende Litanei der Vergeblichkeit, beginnend mit „Den gleichen Stein den immer gleichen Berg hinaufrollen“, denn tatsächlich ist es das Gefühl der Vergeblichkeit und des Scheiterns, das die Wolokolamsker Chaussee durchzieht.

Nach der russischen Front findet man sich in Westberlin wieder, wo 1953 Unruhen ausbrechen. Nun haben es die sowjetischen Panzer doch noch nach Deutschland geschafft. Ein nicht nur wörtlich clownesker Betriebsdirektor wird von seinem Stellvertreter, dem Gesicht des Streikkomitees, sukzessive abgesägt und schließlich in eben jenem Wägelchen von der Bühne gefahren, über das er zu Beginn noch selbst die Kontrolle hatte. Der Streit der beiden sächselnden Narren ist genüsslich anzuhören.

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© dramagraz

Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit und Arbeit

Gina Matiello klammert sich als Stasimann mit riesiger, bunt gestreifter Krawatte in einem gelblichen Licht, das an Verwesung erinnert, verzweifelt an die Prinzipien eines Systems, dessen Untergang bevorsteht, so sehr, dass er das Gefühl hat, mit seinem Schreibtisch zu verwachsen. Abwechselnd im Chor treiben die Darstellerinnen diese Vorstellung bis zum Äußersten, eine Anlehnung an Kafkas Die Verwandlung, aber etwas zu langwierig. Gerade diese überbordenden Schilderungen und weit gesponnenen Assoziationen zeigen aber auch wieder die sprachliche Wucht von Heiner Müllers Text, zu dessen Gunsten wohl auch die Bühnengestaltung zurücktritt.
Auch Kleist wird in Müllers Stück gewürdigt. In Anlehnung an dessen Findelkind steht am Ende eine dramatische Szene zwischen einem SED-Funktionär und seinem Adoptivsohn, der sich gegen die Ideologie des Ziehvaters wendet und von diesem dafür ins Unglück gestürzt wird.

Keinesfalls vergessen

Binder leitet die Gruppe dramagraz, die für Wolokolamsker Chaussee mit dem Forum Stadtpark kooperiert. Seine Inszenierung ist zackig und sachlich, die Stimmen der Frauen durchschneiden den Bühnenraum, zwingen zum Zuhören und zum Blick in die starren Gesichter. „Vergessen und vergessen und vergessen“ – in unzähligen Wiederholungen schläfern diese Worte das Stück langsam ein, als ob die schrecklichen Ereignisse der vergangenen 90 Minuten ausgelöscht werden sollen. Doch Müllers Worte vom Beginn drängen sich wieder ins Gedächtnis. Vergessen und sich abwenden ist ein fatales Mittel. Es ist fünf vor zwölf. Wenn wir jetzt nicht aus der Vergangenheit lernen, wird es bald zu spät sein.

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