Funny Girl 2016

Fanny Brice, der größte komische Broadway- und Radio-Star im Amerika des 20. Jahrhunderts, ist Protagonistin des Musicals „Funny Girl“, das seit 16. Januar in Graz gastiert.

In der Neuinszenierung führt Frederike Haas die Tradition weiter und performt nicht nur stimmlich stark. Für die Triple-Threat Musical-Darsteller kam in „Funny Girl“ eine zusätzliche Herausforderung hinzu: Sie mussten nicht nur tanzen, schauspielern und singen können, sondern für viele Sequenzen auch steppen lernen. Passend zur Zeit der 1910er bis 1920er Jahre und der Musik von Jule Styne. Der ursprünglich klassisch ausgebildete Komponist fand auch in „Funny Girl“ für jede Situation den richtigen Ton, der im englischen Original auf der Grazer Bühne ein halbes Jahrhundert später noch immer großartig klang. Die restliche Textfassung wurde von Heidi Zerning, die auch Alice Munros deutsche Stimme ist,  ins Deutsche übersetzt.

Die Wandelbarkeit der Fanny Brice wird anschaulich dargestellt: Über 18 verschiedene Kostüme trägt Haas im Laufe der zweieinhalb Stunden dauernden Darbietung. Das Werden zum Broadway-Star, dem ‚Funny Girl’ wird übrigens ähnlich wie bei Nestroys virtuosem Perückeneinsatz, durch das vom ursprünglichen Feuerrot ausgehenden Erblonden ihrer Haare angezeigt. Ihre unterschiedlichen Rollen, privat wie beruflich, verschweigt das Stück ebenso wenig wie die Komik der jiddischen Sprachkünstlerin, Satirikerin der „Zeigfeld-Follies“ und späteren „Baby Snooks“ im Radio (hier ein Beispiel). Überhaupt überzeugte die Ausstattung von Susanne Hubrich mit einer Detailtreue, die den Zuschauer staunen ließ. Stefan Huber und Bernd Krispin beeindruckten mit ihrer feinfühligen Inszenierung vor allem deshalb, weil er Fanny so vielschichtig präsentierte – als Star und Mensch in ihrem Umfeld und ihrer Gedankenwelt.

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Funny Girl (c) Werner Kmetitsch

Wie bringt man innere Gefühle und Gedanken einer Figur auf die Bühne? Das dürfte eine der größten Herausforderungen bei dieser Inszenierung gewesen sein – gelöst wurde das Problem mittels Zweiteilung des Bühnenbildes. Fannys Hälfte wurde beleuchtet, ein Spot auf sie gerichtet, der Rest gedämpft und das Geschehen auf der anderen Bühnenhälfte eingefroren. Dann sprach sie ihren Monolog.

Neben Frederike Haas erfüllen Boris Pfeifer als Nick Arnstein, Uschi Plautz als Rose Brice und Götz Zemann als Florenz Zeigfeld jr., außerdem Marc Seitz als Eddie Ryan, Fannys bester Freund und Choreograph, die hohen Erwartungen des Publikums.

Gleich zu Beginn des zweiaktigen Musicals, in der ersten Erinnerungssequenz, die Brice in ihrer Garderobe des Theaters memoriert, singt sie überzeugt: „Selbst, wenn keiner mein Talent erkennt – ich bin ein Star!“ Und damit sollte sie bis Ende, im zweiten großen Song mit „Don’t rain on my parade“, Recht behalten.

Das Musical zeichnet die Anfangsphase der steilen Karriere und die Liebesgeschichte von Brice und ihrem ersten Ehemann Nick Arnstein nach. Dabei transportiert es noch viel mehr als echte Emotionen zwischen dem zukünftigen Ehepaar, „Funny Girl“ porträtiert Fanny Brice junge, zielstrebige Frau, die es selbstbewusst mit jedem Mann aufnimmt und das in einer Zeit, in der die Rolle der Frau noch lange keine emanzipierte war. Ohne Fleiß kein Preis, das wusste Brice und arbeitete hart, bis sie unabhängig und erfolgreich war. Doch ließ sie dieses Wissen nicht davor zurückscheuen, dem Theater zum rechten Zeitpunkt, jenem, an dem für sie die Erreichung ihres persönlichen Glückes so nahelag, den Rücken zu kehren. Da ist sie die Frau, die auf der Bühne „My Man“ singt und ihre Erfüllung auch in der Aufgabe als Ehefrau und Mutter findet. Für sie ist Karriere und (Ehe-)Frau-Sein kein Widerspruch. Sie ist eine Frau, die weiß, was sie will und was nicht, eine, die für die Liebe kämpft, doch letztlich einsehen muss, dass Liebe allein nicht reicht. Zumindest nicht für ein Happy End jeder Lovestory, schon gar nicht über alle gesellschaftlichen Hürden hinweg. Die Beziehung zu Arnstein scheitert schließlich nicht an seiner Spielsucht, sondern an der Unvereinbarkeit von Liebe und Macht. Ihre Liebe war echt, doch zusammen funktionierten die beiden nicht („Das wird aus einer Ehe mit einer erfolgreichen Frau, die sich durch ihn reicher fühlt, wenn er verdreckt aus dem Sandkasten kriecht“) und so mussten sie am Ende des zweiten Aktes einsehen, dass sie zwar einander lieben, aber sich selbst mehr (und aufgrund dessen gar nicht erst versuchen wollten, daran zu arbeiten). Daraufhin leiten sie die Scheidung ein und Fanny, nun endgültig zum Funny Girl lanciert, beschließt, neu anzufangen und nicht zurückzuschauen.

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