VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN

 
Das Stück WOLOKOLAMSKER CHAUSSEE von Heiner Müller, dessen Todestag sich heuer zum 20. Mal jährt, ist in einer Inszenierung von dramagraz im Forum Stadtpark zu sehen. Ein Stück über die Wirren des Zweiten Weltkriegs und das Leben im System der DDR danach – die Zerrissenheit der Figuren und das Groteske ihres Lebens machen das Stück sehenswert.

Als Titel für sein Stück wählte Müller den Namen der Verbindungsstraße – WOLOKOLAMSKER CHAUSSEE – in Russland, an der während des Zweiten Weltkrieges der deutsche Vormarsch zum Stillstand kam. In fünf chronologisch aufeinanderfolgenden Episoden wird die tragische Lebensrealität der in ihrer Ideologie gefangenen Figuren geschildert. Während die ersten zwei Akte die auswegslos verzweifelte Situation eines russischen Kommandanten und seiner Soldat*innen in den Moskauer Wäldern im Zweiten Weltkrieg zeigt, wird danach auf Schicksale nach den Unruhen 1953 und des Prager Frühlings 1968 eingegangen. Dabei verleihen die für Müller charakteristischen intermedialen Bezüge, etwa durch die Verwendung einer Rede des russischen Komponisten Shostakovic, dem Stück eine scheinbare Authentizität.

(c) dramagraz: Hagemann Vera, Reichert Ninja

(c) dramagraz: Hagemann Vera, Reichert Ninja

Die Inszenierung des Stückes von dramagraz wurde von Ernst M. Binder geleitet, der für die Darstellung der männlichen Figuren im Stück bewusst vier Frauen besetzte. Der sich dadurch ergebende Widerspruch zwischen kulturell als männlich definiertem Verhalten – etwa die Erteilung des Befehls einen Verräter im Krieg zu erschießen – und den weiblichen Schauspielerinnen macht diese Inszenierung besonders reizvoll.

 

(c) dramagraz: Ensemble

(c) dramagraz: Ensemble

Das liegt auch am großartigen Spiel des Ensembles, bestehend aus Vera Hagemann, Mona Kospach, Gina Mattiello und Ninja Reichert, die in der kurzen Zeit des Stückes glaubwürdig in die verschiedenen Rollen – vom Soldaten bis zum DDR-Bürokraten – schlüpfen. Durch die im Chor gesprochenen sich wiederholenden Passagen wird das Publikum noch tiefer in den Bann des Stückes gezogen.

Egal vor welchem zeithistorischen Kontext Müllers Figuren am System scheitern, am Ende bleibt ihnen nur der Wunsch nach dem Schleier des Vergessens.

Einen Einblick in die Inszenierung bietet folgender Beitrag über das Stück von ORF Steiermark heute (11.01.2016):

Das Stück ist noch bis zum 30.Jänner im Forum Stadtpark zu sehen – hingehen lohnt sich!

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