Grüße aus der Kathedrale der Arbeit

Daniel Putkammer arbeitet seit geraumer Zeit als Ingenieur in einer Firma. Trotz guter Ausbildung und diverser Praktika ist er beruflich stehengeblieben und versucht durch zynische Äußerungen anderen gegenüber, seine Unzufriedenheit mehr oder weniger zu vertuschen. Als eine langersehnte Beförderung Hoffnungen weckt und sich anders entwickelt als erwartet, fährt Daniel sprichwörtlich aus seiner eigenen Haut – mit fatalen Konsequenzen.

Die neue Intendanz des Grazer Schauspielhauses liefert mit „Warteraum Zukunft“ im Haus Zwei erneut eine moderne, eindrucksvolle Gesellschaftskritik. Nach „Zersplittert“ ist abermals die gegenwärtige Arbeitswelt das zentrale Thema und Nico Link darf wieder einen zerrütteten Charakter innerhalb dieser mimen. Sei es als leidender Verlassener, aufbrausender „Beförderter“ oder gelangweilter, zynischer Mitarbeiter – Link gibt Daniel neben unzähligen Facetten auch seine unverkennbare Stimme. Doch ohne Ralph Püttmann als perfekte Reibefläche für Link wäre das Stück nur halb so sehenswert. Er schlüpft in unterschiedliche Rollen und lässt Daniel’s Bemerkungen an sich abprallen, beruhigt Daniel oder gerät mit ihm in Rage.

(c) Lupi Spuma

 

Jan Stephan Schmieding’s Inszenierung ist durchdacht, das Publikum wird Zeuge der Gedanken der Hauptfigur und auch indirekt Teil der Firma. Ein einfach wirkendes, aber bis ins Detail wirksames Bühnenbild unterstreicht den Alltag der Protagonisten. Und der geniale Einsatz eines Loopers, wo kurze Tonsequenzen von den Darstellern selbst „live“ aufgenommen und abgespielt werden, macht den Abend auch akustisch zum Erlebnis.
Ein kleiner dramaturgischer Hänger in der Mitte des Stücks, der zum Abschweifen einlädt, wird glücklicherweise von den beiden Hauptdarstellern abgewendet. Abgesehen davon ist der Text von Oliver Kluck eine bissige, zeitgemäße und kurzweilige Analyse der Arbeitswelt des Westens, in der die Arbeit als Definition des Seins, als Ersatzreligion thematisiert wird. Der Arbeitsplatz ist eine Art Tempel, ein Platz allgegenwärtiger (Er-)Lösung, um den sich alles dreht. Die Trennung zwischen beruflicher und privater Existenz löst sich auf und gleichzeitig stumpft Daniel ab – er langweilt sich, fantasiert. Als der ersehnte Feierabend kommt und Daniel einer Party beiwohnt, kracht das instabile Gerüst, das sein Leben bestimmt, zusammen. Die geglaubte Freiheit und Selbstbestimmung ist dahin, der Neid und die Realität holen Daniel ein. Der Versuch etwas zu ändern wird durch einen tragischen Vorfall vereitelt und so macht sich Daniel am nächsten Morgen wieder auf den Weg in seine Kathedrale.

Sehr sehenswert! 🙂

 

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