Teuflisches Puppentheater

Im Grazer Theater Next Liberty feierte gestern Nikolaus Habjans bunte und zahlreiche Gestaltungsmittel ausschöpfende Inszenierung von Goethes Faust – Der Tragödie erster Teil erfolgreich Premiere.

 

Next Liberty_FAUST_Huhle (c) Lupi Spuma

Klaus Kuhle ereifert sich als nach Erkenntnis strebender Doktor Faust. © Lupi Spuma

Graz – Mit weißem Rauschebart, struppigen Überresten einer einst wohl wallenden Haarpracht und bodenlangem Mantel gemahnt Klaus Kuhle als Doktor Faust an einen griechischen Gelehrten. Zittrig stützt er sich auf einen Gehstock und wird von der Gram, trotz aller Studien zu keiner Erkenntnis über die Welt zu gelangen, mitunter zu Boden gezwungen. Famulus Wagner (Sebastian Mock) in seiner sachlichen Strebsamkeit kümmert die Emotionalität seines Meisters freilich wenig.

Mephisto vom Feinsten

Ein grandioser, zuweilen furchterregender, häufiger jedoch durch teuflischen Zynismus zum Schmunzeln anregender Mephisto ist es, der sich befleißigt, dem verzweifelten Alten aus der intellektuellen Patsche zu helfen – freilich nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern weil er mit seinem großen Konkurrenten Gott um des Doktors Seele gewettet hat. Viele im Saal wissen, wie die Dinge ins Rollen geraten, doch die Inszenierung verbindet den bekannten Text mit einer hochgradig kreativen Gestaltungsweise.
Einige der Figuren – so auch Gott und Teufel – sind Puppen, was einerseits an das ursprüngliche Auftreten des Stoffes im 18. Jahrhundert als Puppentheater erinnert, in welcher Form auch Goethe ihn kennenlernte, und andererseits laut Regisseur Habjan dazu dient, die irdische der über- und unterirdischen Welt gegenüberzustellen. Gut und Böse werden nicht individualisiert, sondern gleichsam als überall vorhandene Kräfte dargestellt. Puppenbau und -coaching lagen in der Hand des Regisseurs.
Manuela Linshalm erweckt Mephisto zum Leben, beeindruckt mit ihrem Puppenspiel und ihrer Stimmführung. Da faucht der Teufel zuweilen wie eine Katze und wächst über sich hinaus, wirkt unbeholfen und verlegen, als er das Haus von Faust wegen eines Zeichens an der Tür nicht verlassen kann und beherrscht mit einem durchwegs zynischen Grundton das Geschehen.

„Protest“ von außen

Gott präsentiert sich in Gold gekleidet, mit Glatze, Brille und Regenschirm, zu Beginn flankiert von zwei überaus massigen Engeln. Eines stürmischen Teufelskusses bedarf es, um die temperamentvolle Hexe (Sebastian Mock), ebenfalls eine Puppe, zur Herausgabe des verjüngenden Zaubertranks zu bewegen, welcher Faust in eine Gestalt verwandelt, die an einen – immer noch in die Jahre gekommenen – Rockstar erinnert, der im frappierenden Gegensatz zum blutjungen Gretchen (Alice Peterhaus) steht. Beide zieren sich jedoch herrlich beim arrangierten Treffen im Garten unter den Augen von Marthe Schwertlein und Mephisto. Dass diese Szene überhaupt vorkommt, verdankt das Publikum vermeintlich Helmut Pucher, der mit dem Originaltext in Händen schimpfend auf die Bühne kommt, das Fehlen eben dieser Szene beklagt und von Mephisto daraufhin kurzerhand zu Marthe Schwertlein gemacht wird, als welche er säuselnd, tanzend und dem Teufel Avancen machend brilliert.

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Eins mit dem Teufel – Manuela Linshalm. © Lupi Spuma

Verspielte Inszenierung

Die Bühne (Jakob Brossmann), zu Beginn in tristem Grau mit gewaltigen Stühlen links und rechts das Zimmer des Faust darstellend, gewinnt mit fortschreitender Handlung zunehmend an Beweglichkeit, wenn bemalte Stoffbahnen, an Bilder aus Märchenbüchern erinnernd, die wie Vorhänge vorgezogen werden, an verschiedene Schauplätze führen. Es wird tief in die Trickkiste gegriffen, wenn eine Rakete die Ankunft des Geistes ankündigt und ein Loch im Boden als Hexenkessel dient, dem grüner Rauch entströmt. Mit Blitz und Donner beginnt die Walpurgisnacht und dichte Rauchschwaden bedecken den Boden, während sich die Hexendisco mit Techno-Musik zu einer Orgie ausweitet. Trotz aller Effekte geht der Text dennoch nie unter.
Für die prächtigen Kostüme sowohl der Schauspieler als auch der Puppen hat Denise Heschl keine Mühen gescheut.

Faust für alle

Die Inszenierung richtet sich vor allem auch an Jugendliche und Menschen, die sich bisher nicht mit dem Faust-Stoff beschäftigt haben. Mit fürchterlichen Theaterbesuchen in seiner Schulzeit im Gedächtnis, war es Nikolaus Habjan ein Anliegen, Schülern einen anderen Zugang zu diesem großen Klassiker zu ermöglichen.Tatsächlich ist die Inszenierung sehr nah am Publikum. Die Schauspieler verlassen mitunter die Bühne, und Gretchen selbst sitzt in der ersten Reihe. Zuweilen wird übertrieben, wodurch ein starker Kontrast zwischen Goethes Text und dem Spektakel auf der Bühne entsteht, was die Lust am Zusehen und Zuhören jedoch nicht schmälert.
Der Regisseur hörte die Geschichte des Doktor Faust zum ersten Mal von seinem Großvater und malte sich aus, wie es wäre, dem Teufel gegenüber zu stehen.
Faust ist aber nicht nur mit Mephisto konfrontiert – auf der anderen Seite, von ihm zwar unbemerkt und in der Inszenierung im Hintergrund – befindet sich Gott. Der Mensch steht zwischen Gott und Teufel, zwischen Gut und Böse, die zuletzt beide um ihn buhlen. In der zunehmenden Dunkelheit am Ende kann man nur erahnen, wohin Faust sich wenden wird.

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