Bill Binney is A GOOD AMERICAN

Verwirrt, baff, erstaunt, schockiert, verängstigt und verärgert. Ungefähr so lässt sich die Gefühlslage aus der Zusehendenperspektive beschreiben. Ein weiterer Film über Whistleblowing bei der NSA mag man denken. Aber wer zur Hölle ist dieser Bill Binney?

Wer Bill Binney ist, wird ausführlich erklärt. Ebenso, wie er zur NSA kam. Ursprünglich für den Dienst an der Waffe vorgesehen (in den Vereinigten Staaten galt in den 1960er-Jahren noch die Wehrpflicht), konnte er sich als Analyst von (analogen) Metadaten auf Seiten des Miltärs einen guten Ruf verschaffen, was ihn zur NSA brachte.

Die NSA selbst schien von ihrem guten Ruf zu leben und verpasste offensichtlich den Sprung ins digitale Zeitalter. Binney arbeitete mit einer kleinen Arbeitsgruppe jedoch an einer digitalen Version der Metadatenanalyse. Sein Ziel war es nicht die Inhalte von Kommunikation zu entschlüsseln, sondern die Kommunikationsmuster von potenzieller Gefährdung aufzuarbeiten und zu analysieren. Mit dem Aufkommen des Internets gab es zunehmend offenere Kommunikationskanäle, die schwieriger zu überwachen waren. Dieses Potenzial und die daraus resultierende Gefährdung für die USA und „die freie Welt“ wurde bei der NSA jedoch nicht erkannt. In seiner Arbeitsgruppe entwickelten sie Software, deren Ziel es war die Metadaten noch stärker und automatisiert analysieren und Vernetzungen aufzeigen zu können. Thin Thread war geboren.

Trotz herausragender Erfolge der Software erhielten Binney und seine Mitstreiter keine Unterstützung seitens der NSA, ihnen wurden vielmehr Steine in den Weg gelegt und das Programm sogar blockiert. Korrupte Verstrickungen in der Agency zu Privatunternehmen, welche anderweitig an der Umstellung der Agency vom analogen ins digitale Zeitalter verdient haben, ließen die oberen Etagen die Arbeit der Gruppe behindern und die Arbeit an Thin Thread bis zur Einstellung bringen. In dieser Zeit wurden viele Millionäre gemacht, jedoch keine Terrorattacken vorgewarnt ist eine der zentralen Kritiken des Films.

Und so kommen wir zum 11. September 2001. Ein Datum, das vermutlich bei jeder Person in der westlichen Welt die gleichen Bilder hervorruft. Die westliche Welt war schockiert und unvorbereitet ins Mark getroffen. Für die NSA bedeutete dieses Datum aber viel mehr: Das anzapfen an die schier unendlichen Geldtöpfe des US-Kongress. Interessenshalber ließ Binneys Nachfolger Thin Thread über die NSA-Datenbanken nach dem Anschlag laufen. Das Programm entdeckte Hinweise auf die Anschläge und die zugehörigen Verbindungen. Der Schock saß umso tiefer. Ein Teil der Infrastruktur des Programms wurde reaktiviert. Der Teil, der jeden Bürger und jede Bürgerin scannt und unverschlüsselt analysiert. Der Teil, den Binney vergleichend als die „Stasi auf Steroiden“ beschreibt.

Es ist ein Skandal sondergleichen, dass letztendlich durch Unfähigkeit und Geldgier Anschläge nicht verhindert wurden, sondern vielmehr die Grundwerte der Demokratie unkontrolliert ausgehöhlt wurden. Die Grundwerte der Demokratie sind in Gefahr, diese gilt es auch durch unser Engagement zu verteidigen. Nur durch das mutige Auftreten von Whistleblowern wie Chelsea Manning, Edward Snowdon und Bill Binney, welcher im Gegensatz zu Manning und Snowdon noch ein freier US-Bürger ist und durch Reisefreiheit für ein Publikumsgespräch in Graz bereit stand, können wir diese Entwicklungen verfolgen. Und letztenendes sind es mutige Filmemacherinnen und Filmemache wie Laura Poitras oder in diesem Falle Friedrich Moser, denen der Große Dank der Gesellschaft für die Aufarbeitung dieser Skandale gebührt.

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