Verschmelzung von Gegenwart und Vergangenheit

Multimedial und anachronisch beeindruckte und verwirrte die gestrige Premiere von Frequenzen nach dem Erfolgsroman des Grazer Autors Clemes J. Setz im Schauspielhaus.

Graz – Ein aufmerksamer Blick in die Welt bietet nicht immer Angenehmes, und Alexander Kehrfuchs hat als Synästhet das Pech, alles besonders genau wahrzunehmen. Verwirrt und gehetzt stolpert er durchs Leben, bei Clemens Setz über 700 Seiten lang. Regisseur Alexander Eisenach nutzt seinen Lieblingsroman als Materialquelle, um in zwei Stunden tief ins Innere des Protagonisten zu führen und dessen Verwirrung mitunter auf das Publikum zu übertragen. Zunächst zeigt die Bühne eine abweisende hellblaue Hausfront mit einem großen, undurchsichtigen Fenster, doch allmählich eröffnen sich immer mehr Einblicke in das Leben der darin wohnenden Menschen, die gerüstartige Konstruktion tritt zutage, keine Stelle des Hauses ist mehr vor Blicken geschützt.

Folgenschwerer Riss

Alexander Kehrfuchs hat gerade seinen Job im Altersheim verloren, seine Freundin Lydia betrügt er mit der Psychotherapeutin Valerie. „Du bist mein Kometenschweif“ säuselt er und bricht vor einem gemeinsamen Opernbesuch in einen Begeisterungssturm aus, dem die mitgebrachten Rosen zum Opfer fallen. Clemens Maria Riegler gestaltet die Rolle sehr ausdrucksstark, von emotionalen Eskapaden bis hin zum starren Blick in die Kamera. Amüsant ist es, wenn er sich mit seinem Freund Walter, psychisch ähnlich instabil, an Anekdoten aus ihrer Kindheit erinnert. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, aber nur so lange, bis auch sein Vater das für ihn wollte, dann erschien es ihm zu vorbestimmt. Doch nicht nur dieser Alexander ist auf der Bühne, sondern auch der kleine Alexander (Johanna Marauschek), ein Kind, das keine Fragen stellen soll, von der Mutter (Eva Marie Salcher) ein makabres Schlaflied vorgesungen bekommt und noch als Erwachsener am Verschwinden seines Vaters leidet. Alles beginnt mit einem Riss, der sichtbar die Mauer im Keller durchzieht und unsichtbar das Fundament der Familie erschüttert. Franz Xaver Zach als Alexanders Vater fühlt sich demgegenüber machtlos und verlässt die Familie. Zurück bleibt der mit dem Sohn gepflanzte Baum im Garten.

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Die Erinnerung ist ein Konstrukt. (© Lupi Spuma)

Vielschichtige Gleichzeitigkeit

Die Inszenierung verzichtet auf Chronologie, Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen so stark, dass sie gleichzeitig zu sein scheinen. Mit Hilfe von Live-Videos sind viele Szenen aus mehreren Blickwinkeln zugleich zu sehen, mehrere Perspektiven überlagern einander und machen Eindeutigkeit unmöglich. Die Geschichte schwingt gleichsam in verschiedenen Frequenzen. Wenn auf einer gewaltigen, durchscheinenden Leinwand jede Regung im Gesicht der Schauspieler sichtbar ist, kommt Kinoatmosphäre auf. Die starke Anlehnung an das Medium Film begründet Alexander Eisenach damit, dass ihm die Vorstellung des Menschen als Regisseur seiner Biographie und der Erinnerung als von ihm inszenierten Film gefällt.
Clemens J. Setz begeisterte bereits mit dem mehr als 1000 Seiten starken Werk Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Der Autor lebt in Graz und kennt die Stadt wie seine eigene Westentasche, der Roman Die Frequenzen ist hier angesiedelt. Für die theatrale Umsetzung gab es seitens des Autors keinerlei Einschränkungen. Eisenach machte es sich zur Aufgabe, die „übervolle Sprach- und Bilderwelt“ auf die Bühne zu bringen, was ihm durch Multimodalität und eindringliche Monologe gelungen ist.

„Man muss immer entscheiden, was das Leben ist“, heißt es im Stück. Weil viele Menschen das nicht könnten, würden sie Geschichten erfinden. Von Macht und Angst handeln sie, von Stärke und Abhängigkeit. Gibt es überhaupt Identität, gibt es ein Unterbewusstsein? „Wie sieht ein Mensch überhaupt aus – also innerlich?“ All das sind Fragen, die zum Versuch anregen, bei der Betrachtung des eigenen Lebens eine andere Perspektive einzunehmen, auszuloten, in welche Frequenzbereiche das Dasein schwingt. Die Inszenierung statuiert ein Exempel dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Leben unweigerlich auch jene mit der Vergangenheit einschließt, oder, wie Alexander Kehrfuchs es ausdrückt: „Erst in der Erinnerung bekommt die Erzählung materielles Gewicht.“

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