Bombe mit Spätzünder

Zöpfe, Kinderschaukel und kluge Worte – Katie ist ein Teen, mal verspielt, dann wieder überlegt. Offen redet die 18-Jährige über Blow-Jobs und Klauen und darüber, dass sie schlichtweg zu viel nachdenkt, aber genau weiß, was sie tut. Als ihr Freund in eine Schlägerei gerät und sie Teil einer seltsamen Verfolgungsjagd wird, rollt sie ihre bisherige Jugend auf und erkennt am Ende, wer sie ist und wer sie lieber nicht sein will – ein „Bunny“.

(c) Annette Boutellier

Katies harter, bitterböser Monolog ist ein sozialkritischer Abriss des modernen Englands und der Autor Jack Thorne zeigt, wie vielschichtig und verworren die Identitätssuche einer Jugendlichen ist. Das ewige Ausreizen und Ausprobieren, das Bedürfnis zu gefallen, der Versuch sich selbst zu finden…all das bekommt in „Bunny“ Platz. „Ich bin eine tickende Zeitbombe.“ – Katies Gedanken sind voller Widersprüche und dem Bestreben sich zu einer Frau zu emanzipieren, bloß kein Häschen zu sein. Sie ist getrieben, in erster Linie von ihren Ängsten, so will sie zum Beispiel bloß nicht so werden wie ihre Mutter, hilflos und betrogen. Ihrem Vater, der die Mutter schlecht behandelt, kann Katie aber nicht immer böse sein, sie verachtet ihn zwar, versteht ihn aber. Kompensation dieser Zwiespälte findet Katie in Sex, Stehlen und anonymen Racheakten.

(c) Annette Boutellier

Henriette Blumenau spielt Katie authentisch mit eindringlichem Ausdruck und bildreicher Sprache – man nimmt ihr die unsichere Getriebene jede Sekunde ab. Das klare Bühnenbild mit pinken Schließfächern und Reifenschaukel sowie sporadische Requisiten legen den Fokus auf das Gesprochene und die ironischen, mehrdeutigen Wortspiele fesseln von Anfang bis Ende. Wie kraftvoll und packend muss dieses Stück in seiner Originalsprache Englisch sein! Auch die Wahl der Musik ist ein Volltreffer – Clubsongs, die jeder irgendwann schon gehört hat und als Höhepunkt „Fuck the pain away“ von Peaches, der textlich nicht passender sein könnte. Wie gut die Inszenierung unter Jan Stephan Schmieding wirklich ist, zeigen die Reaktionen des jüngeren Publikums (offensichtlich eine Schulklasse). Alles wird gebannt verfolgt, sie lachen und ekeln sich gleichermaßen – bloßgestellt wirkt Katie aber nie, viel mehr verstanden und auch ein wenig bemitleidet. Als Mittzwanziger fühlt man sich dank Musik und Auszügen des Schulalltags zeitweise zurückversetzt. So soll zeitgenössisches Theater sein! Prädikat empfehlenswert.

 

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