Nimmerland

Der Debütfilm Gita Ferlins „15 Jahre und noch keine Antwort“ ist ein Kurzfilm in Form eines Portraits und eröffnet den Diagonaletag am 11.3.2016 im KIZ Royal. Bedrückend sind die Bilder und auch das Erzählte des anonymen Asylwerbers, der nach 15 Jahren in Österreich keinen Aufenthaltsbescheid erhalten hat und nicht arbeiten darf. Die Aufnahmen seines Wohnorts, die wie Fotos wirken – starr, trostlos und klar – unterstreichen die deutschsprechende Stimme aus dem Off und hinterlassen ein nachdenkliches Publikum.

Gleich darauf folgt Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“, eine bereits mehrfach ausgezeichnete Dokumentation über eine kleine Insel im Mittelmeer. Mittlerweile ist Lampedusa aufgrund der Flüchtlingstragödien vor ihrer Küste immer wieder in den Medien und europaweit bekannt. Brossmann legt den Fokus des Films aber nicht auf ebendiese Flüchtlingsschicksale, sondern hat die BewohnerInnen, die Lampedusani, im Zentrum. Sie leben mit dem Wissen um diese Menschen, die zu Tausenden an ihrer Küste sterben oder auch gerettet werden. Doch auf einer kleinen Insel leben heißt vor allem auch selbst abhängig zu sein – von einer Fähre, die lebensnotwendige Güter bringt, der Regierung, die kilometerweitweg Entscheidungen trifft oder der Fischerei, die nach wie vor einen Großteil der BewohnerInnen ernährt. Als die alte Fähre nach Jahren eines Winters defekt ist, wird die Lage für die Lampedusani kritisch und sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Auf die Flüchtlinge auf ihrer Insel nehmen sie dennoch Rücksicht, für deren Hilfe wird immer eingetreten. Großen Anteil daran haben zwei starke Frauenfiguren im Film – die Bürgermeisterin Giusi und die Helferin Paola – die trotz männlich dominierter Inselkultur ihre Werte und Grundsätze vertreten. Vor allem Paola kämpft mit einer selbstlosen Konsequenz und Hingabe für die Gemeinde, aber vor allem für einen angemessenen Umgang mit den Flüchtlingen, lebendig wie begraben.

„Lampedusa im Winter“ ist in seinem dokumentarischen Zugang intim, der Regisseur nimmt sich und sein Team komplett aus dem Geschehen heraus. Sie sind Beobachtende des Inselgeschehens, mittendrin und vorurteilsfrei. Dem ‚typischen‘ Alltagsleben wird Raum gegeben – der Radiostation, die Infos zu Wetter und Fährenthematik gibt oder dem Jugendfußballverein, der trainiert und sich auf ein Spiel am Festland vorbereitet. Den Gemeindesitzungen, wo heftig diskutiert und entschieden wird oder den Müllbergen, die immer größer werden. Sehr beeindruckend ist die Begleitung eines Künstlers, der auf Flüchtlingsbooten nach ‚Artefakten‘ sucht. Er möchte den unbekannten Toten ein Sprachrohr geben – tut dies aber mit viel Respekt, dass etwa Briefe nicht ausgestellt werden. Und Ironiefähigkeit zeigen die Lampedusani auch, als sie zu Karneval ihre eigene Insel als Nimmerland bezeichnen, klein und verloren, weit weg von Italien und der Realität. All diese kleinen Situationen machen das Publikum zum Teil der Insel und offenbaren mehr Fragen als Antworten. Unaufgeregt, mit starken Bildern und noch stärkeren Menschen zeigt er, dass neben den tragischen Szenarien vor Lampedusa auch noch Menschen mit ganz normalen Problemen zu kämpfen haben. Und dass es durchaus möglich ist, Fremden zu helfen und gleichzeitig seine eigenen Schwierigkeiten zu bewältigen.

 

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