Hochspannung

Am Samstag feierte die Romanadaption von Clemens J. Setz‘ „Die Frequenzen“ im Schauspielhaus ihre Uraufführung und lanciert damit sogleich zum Highlight der Theatersaison.

Mit Alexander Eisenach hat ein großer Freund und Kenner des postdramatischen Theaters den Weg nach Graz gefunden. Dass der gebürtige Berliner auch ein Könner ist, beweist er mit seiner gewaltigen, multimedialen Inszenierung der “Frequenzen”.

Die Ebene der Schauspieler ist nur eines der eingesetzten theatralen Mittel, die in ihrer Vielzahl gleichzeitig die Erzählung vermitteln. Der Vielstimmigkeit und Polyvalenz der Vorlage versucht die Inszenierung gerade in den Details – selbst der auftretende Chor versucht alle menschenmöglichen Tonlagen/Frequenzen abzudecken – gerecht zu werden. Mehrere Dinge passieren auf der Bühne in einer Verschmelzung von Handlung und Raum nebeneinander. Abhängig davon, wo der Blick gerade innehält, nimmt man als Zuschauer eine Perspektive ein, die ein völlig anderes Bild ergibt, als noch Momente oder Zentimeter zuvor. Gleichzeitig wird verkündet: “Es gibt keine unterschiedlichen Perspektiven, es gibt nur das hier”. Das Wie und das Was des Geschehens verschwimmt spätestens dann, wenn das Gespielte simultan zu sehen ist, aufgenommen wird und auf einer zweiten transparenten ‘Leinwand’ gezeigt wird.

Während gespielt wird, wird gefilmt und noch während gefilmt wird, kann man das Ergebnis des Filmens schon auf einer zweiten durchscheinenden Leinwand beobachten. Man beobachtet was dargestellt wird und kann simultan beobachten wie es dargestellt wird. Moderne Reizüberflutung mit tieferem Sinn: Der aus der Quantenphysik bekannten Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer Art Raumzeit. Grenzen der Wahrnehmung verschwimmen, die Wahrnehmung selbst verschwimmt, ufert aus, erweitert sich in neue Frequenzbereiche. „Warum sollen nicht die Frequenzen das Entscheidende sein?“ – Selten war ein Titel passender.

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Vorderansicht der Drehbühne mit Clemens Maria Riegler und Vera Bommer im Badezimmer bzw. der „ausgebrannten Höhle eines Schaufensters“ (c) Lupi Spuma

Das hochmotivierte Ensemble gibt alles und brilliert in der Darstellung sich vor Verzweiflung windender Charaktere. Aufwendige Kostüme und häufige -wechsel (Claudia Irro) und die Drehbühne machen die schauspielerische Leistung noch bemerkenswerter. Franz Xaver Zach mimt eine sich mit Proust´schen Fragebögen abmühende Gottfigur und stellt sein Können in einer schier endlosen, die anderen einschläfernden, monologischen Schimpftirade unter Beweis. Die suchende, Schöne und fachlich fragwürdige Psychologin Valerie wird von Evamaria Salcher ausdrucksstark gespielt. Vera Bommer ist als Lydia gleichermaßen überzeugend wie als Patientin Valeries oder wenn sie Walters Vater imitiert, ebenso Jan Brunhoeber als neurotischer Schauspieler Walter Zmal, der in der Bühnenfassung kurzerhand zum psychopathischen Mörder Valeries degradiert wird. Setz’ Namensvetter Clemens Maria Riegler verkörperte Alexander Kerfuchs – als wahnsinniger Rosa-Brillen-Träger, verlassenes Kind oder missverstandener Mann im Clinch mit der Frau am Steuer des Wagens – in allen Facetten seines emotional gemarterten Daseins. Diesem wird am Ende bei der zweiten Hochzeit des Vaters, mit David Bowies “Space Oddity” treffend untermalt, der Todesstoß versetzt.

Großartig inszeniert von Regisseur Alexander Eisenach, brilliant dargestellt vom fünfköpfigen Ensemble vor einem faszinierenden Bühnenbild (Daniel Wollenzin) – absolut sehenswert.

 

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