Langwieriger Weg zur Wahrheit

Ödön von Horváths Antikriegsroman Jugend ohne Gott über einen Lehrer, der zu Beginn der NS-Zeit mit zunehmend verrohten und indoktrinierten Schülern zu kämpfen hat und um Mut zur Zivilcourage ringt, wurde gestern im Grazer Schauspielhaus in Kooperation mit dem Vorstadttheater zum 55. Mal rekonstruiert.

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© Lupi Spuma

Rein optisch ist Matthias Ohner der Lehrer – 34 Jahre, hellbraune Cordhose, karierter Pullunder über dem Hemd, brauner Ledergürtel und ebensolches Schuhwerk -, aber er verkörpert auch sämtliche andere Personen, die er braucht, um „erzählerisch und spielerisch Momente aus dem Roman nachzuvollziehen“. Das gelingt ihm auf bravouröse Art und Weise. Fabelhaft lallt und wankt er in der Bar und produziert näselnd die an Konsonanten armen, mit zahlreichen „nicht?“ gespickten Sätze des ebenfalls illuminierten, mit illuminierbarem Totenkopfanstecker geschmückten, ehemaligen Kollegen Julius Caesar. Als Vater des kritisierten Schülers N. empört er sich dröhned über den Lehrer und verleiht dem Schüler T. mit den Fischaugen eine tiefe, geheimnisvolle und Ruchlosigkeit erahnen lassende Stimme.

Moral – aber welche?

Zurück zum Lehrer: Diesem bereiten diskriminierende Aussagen über „Neger“ in den Aufsätzen seiner Schüler zum Thema „Wozu brauchen wir Kolonien?“ Sorgen, da es aber gilt, die Jungen „moralisch zum Krieg“ zu erziehen, haben weder der Direktor noch besagter Vater Verständnis für die Einwänder des Pädagogen, und vonseiten der Schüler werden ihm Verachtung und der Spitzname „Neger“ zuteil. Mit dieser für radikales Gedankengut längst empfänglichen Bande fährt er in den Osterferien zur Schulsportwoche aufs Land, wo in Zelten gehaust und mit einem Feldwebel exerziert wird. Als der Schüler N. erschlagen im Wald liegt, gerät der Z. in Verdacht, der den N. beschuldigte, sein Tagebuch gelesen zu haben, ein Vergehen, das in Wahrheit dem Lehrer anzulasten ist. Die vorgelesenen Einträge stammen aus dem Roman und offenbaren ein Verhältnis des Z. mit Eva, einem diebischen Mädchen, dessen Klasse ihr Lager unweit von jenem der Jungen aufgeschlagen hat. Bis zum Ende des Mordprozesses braucht der Lehrer, um sich selbst zu überwinden, die Wahrheit zu sagen und damit seiner Rolle als moralische Instanz gerecht zu werden. Er gibt zu, dass er das Kästchen mit dem Tagebuch des Z. aufgebrochen hat. Seinem Beispiel folgend packt auch Eva aus und erzählt, dass ein ihr fremder Junge den N. erschlagen hat. Der Lehrer glaubt zu wissen, um wer es ist und beschließt, zu handeln. Letztendlich geht der Fisch ins Netz und „der Neger zu den Negern“.

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© Lupi Spuma

Lebendiger Literaturunterricht

Während die Schüler sich durchs Unterholz schlagen, fühlt man sich im Publikum wie in einem Klassenraum; Stoff dieser Unterrichtsstunde ist Jugend ohne Gott und der Lehrer scheut für die Vermittlung des Romans keine Mühen. Matthias Ohner nimmt das Publikum gleichsam an der Hand und führt es durch das Stück. Den Faden zu verlieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dass dies auch dem Sozialarbeiter Ohner, der sich das Schauspielen autodidaktisch aneignete, nicht passiert, beeindruckt zutiefst, wechselt er doch in Windeseile zwischen Rollen und Erzählperspektiven, spinnt die Rahmenhandlung fort, gestaltet Dialoge und bietet mit inneren Monologen Einblicke in den Gemütszustand des von Gewissensbissen heimgesuchten Lehrers. „Wie ein Raubvogel zieht die Schuld ihre Kreise“, klagt er und rauft sich die Haare.

Anschaulich und zeitlos

Zahlreiche Bilder aus Graz und Umgebung verleihen den Geschehnissen Lokalkolorit und sorgen für Anschaulichkeit. Doch damit nicht genug bedient sich Ohn der vier Magnetwände, um den Ablauf diverser Szenen zu skizzieren. Auch der räumlichen Vorstellungskraft wird damit auf die Sprünge geholfen. Der Regisseur Ed. Hauswirth hat in seiner Rekonstruktion kein Detail vergessen. Die multifunktionale Bühne bietet nicht nur Holz fürs Lagerfeuer, sondern einer der Tische kommt wahlweise als Sarg, Haustür, Pult oder Konditorei zum Einsatz, und es gibt Schießpuppe aus Karton, an der Ohner seine Schießkünste unter Beweis stellt – nicht ohne das Publikum zu warnen, sich vor den abprallenden Platzpatronen zu hüten.
In knapp eineinhalb Stunden legt Ohn eine Vielseitigkeit an den Tag, die ihresgleichen sucht, gleichzeitig aber Horváths Roman nicht in den Hintergrund drängt, sondern vielmehr minutiös dokumentiert. Radikalisierung und Diskriminierung, Moral und Zivilcourage sind Themen, die gerade heute nicht genug beachtet werden können.

 

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