Erdige Angelegenheit

Shakespeares Sturm fegt einen König samt Gefolge im Grazer Schauspielhaus in eine gewaltige Erdgrube, wo Rache, Magie, Liebe und Verzeihung für einen kurzweiligen Abend sorgen.

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Barbara Petritsch als rachelustiger Prospero (© Lupi Spuma)

Für den schiffbrüchigen König von Neapel wird auf der geheimnisvollen Insel zwar nicht der rote Teppich ausgerollt, aber immerhin eine Küchenrolle, um die majestätischen Goldschuhe zu schonen. Sohn Ferdinand ist verschwunden, und schuld an der ganzen Misere ist Prospero, der Herzog von Mailand, vor zwölf Jahren von seinem Bruder Antonio gestürzt und mit seiner Tochter Miranda auf dem Meer sich selbst überlassen. Schlecht gelaunt und insbesondere bei seinen Dienern Ariel und Caliban mit magischen Kräften Angst und Schrecken verbreitend sehnt er sich nach Rache und wittert seine Chance, als Antonio im Gefolge des Königs von Neapel an der Insel vorbeisegelt. Ein Sturm brachte das Schiff in Seenot und beförderte die Herrschaften auf Prosperos Insel. Als Stranddiva im silbernen Paillettenkostüm genießt der schillernde Luftgeist Ariel mit einer Tüte Chips vom Liegestuhl aus das Spektakel, das er mit Prospero heraufbeschworen hat.
Nun sitzen König Alonso, sein alter Berater Gonzalo, sein Bruder Sebastian und zwei Lords buchstäblich im Dreck, denn die Bühne (Ralph Zeger) ist eine gewaltige Erdgrube mit einem Hang, der sich wunderbar für rasche Auf- und mühsame Abtritte sowie für Rutschpartien eignet und überdies mit Löchern ausgestattet ist, sodass die Schauspieler mitunter vom Erdboden verschluckt werden.

„Leben Sie in diesem Dreck?“

So stellt man sich eine geheimnisvolle Insel freilich nicht vor. Offenbar berauscht von der frische Luft lobt Gonzalo allerdings das grüne Gras dieses Eilands, wähnt sich als König und entwirft die Utopie eines Staates ohne Arbeit und Obrigkeit. Viel realistischer ist Ferdinand, mit blonder Haarpracht und in strahlendes Blau gekleidet, der unbeholfen durch die Erde stapft und irgendwo am anderen Ende der Insel auf Miranda trifft: „Leben Sie in diesem Dreck?“ Durch die Zauberkraft des unfreundlichen Prospero, mit aller Kälte und Strenge sehr gut gespielt von Barbara Petritsch, plumpst der Königssohn, ehe er es sich versieht, gleich einmal auf den von ihm so trefflich bezeichneten Erdboden. Die unwirtliche Umgebung hält ihn jedoch keinesfalls davon ab, sich in Windeseile in Miranda zu verlieben und ihr einen Heiratsantrag zu machen. Prospero ist nicht begeistert.

Großartiger, intriganter Caliban

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Julia Gräfner als Caliban (© Lupi Spuma)

Während die Grube zu Beginn wie ein unbestelltes Feld daliegt, füllt sie sich nach und nach mit Leben und zeigt stets den Teil der Insel, dessen Geschehen Prospero gerade verfolgt. Mit seiner Zauberkraft als Macht über den anderen Gestalten stehend, die mit der Erde zum Teil auf Tuchfühlung gehen, betritt er die Grube bis zuletzt nicht, sondern beobachtet mit Argusaugen, wie sein Plan zur Vernichtung der Feinde fortschreitet.
Eine beeindruckende Leistung erbringt Julia Gräfner, die sich als Diener Caliban fast nackt, über und über mit Dreck verschmiert, wie ein geiferndes Tier gebärdet, auf allen Vieren die Grube durchwühlt und durch die Betonung der Körperlichkeit starke Präsenz erzeugt. Mit Prosperos dem Schnaps zusprechenden Höflingen Stefano und Trinculo plant Caliban eine Intrige, um seinen Herrn auszuschalten und die Freiheit zu erlangen. Ein nächtliches Anschleichmanöver sorgt zwar für große Erheiterung im Publikum, scheitert aber, weil die beiden Höflinge von Ariel (Sarah Sophia Meyer) in die Irre geführt werden. Die Mithilfe bei der Rache an Prosperos Feinden soll sein letzter Dienst sein, bevor er in die Freiheit entlassen wird. Dementsprechend tatkräftig setzt er sich dafür ein, dirigiert die Schiffbrüchigen über die Insel und zieht im Hintergrund stets die Fäden, sodass König Alonso und sein Gefolge mitunter wie Marionetten wirken.

Tugend steht über Rache

Regisseur Stephan Rottkamp ist eine gute Mischung von moderner Inszenierung und weitgehender Treue zum Shakespeare-Text, von Ernst und Ironie gelungen. Lediglich wenn nach Mirandas Ausruf „Lieben Sie mich!“ Rauch aufsteigt und Ferdinand, in rosa Licht getaucht, „Baby flieg weit mit mir weg!“ rappt, wird der Bogen doch etwas überspannt. Ganz im Gegensatz zu dieser Aufforderung wälzt sich das in innigem Kuss vereinte Paar kurz darauf allerdings gleichsam von der Bühne.
Die herbeigesehnte Rache wird schließlich von Prospero selbst vereitelt. Zu Beginn noch unnachgiebig, dozierend auf- und abschreitend wirkt er zunehmend weicher und gebrechlicher. Mitleid regt sich in ihm; er wird sich seiner eigenen Menschlichkeit bewusst und begibt sich demenstprechend auf eine Ebene mit den anderen Menschen, indem auch er die Erdgrube betritt. „Tugend ist mehr wert als Rache“, stellt er fest und vergibt seinen Feinden. Der Magie schwört er ab und entlässt Ariel in die Freiheit. Der bewegende Epilog Prosperos, mit Ruhe, Klarheit und großem Gestus vorgetragen, bringt das Stück zu einem würdigen Abschluss.

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