RUSSISCH-ITALIENISCHE OPERNNACHT

Nach krankheitsbedingter Pause steht Dmitri Hvorostovsky seit September vergangenen Jahres wieder voll im Geschäft. Das bedeutet: Auf den Bühnen der renommiertesten Konzertsäle der Welt.

Am 6. April hat der Weg des sibirischen Baritons in den Grazer Stefaniensaal geführt. Der Konzertabend stand im Zeichen russischer und italienischer Opernpartien für Bariton. Darunter zählten Berühmtheiten wie Tomskis Ballade über das Geheimnis der alten Gräfin aus der Pique Dame oder das wild-aufbrausende, durch alle Gefühlslagen wandernde Cortigiani, vil razza dannata des Rigoletto. Glücklicherweise wählte Hvorostovksy für sein Konzertprogramm aber auch Arien aus hierzulande seltener aufgeführten Opern wie Anton Rubinsteins in Russland allbekannten Dämon oder oder Rachmaninows Aleko.

Hvorostovskys Bariton ist voll und kräftig. Von einer schwachen Verfassung kann keine Rede mehr sein. Die anfängliche Nervosität weicht bereits nach der ersten, überzeugend dargebotenen Arie Spit streletskoye gnezdo aus Mussorgskys Chowanschtschina einem selbstgewissen, charmanten Spiel von Stimme und Gestik mit dem Publikum. Zeitgleich gelingt es Hvorostovksy durch den dramatischen Ausdruck seiner Stimme, den Ernst der von ihm interpretierten Arien über Tod, Liebe und Verrat überzeugend zu vermitteln. Vor allem ist es aber die Natürlichkeit und scheinbare Leichtigkeit, die Hvorostovskys Stimme unvergessen in Erinnerung behalten lässt.

Hvorostovsky

Dmitri Hvorostovksy – (c) Pavel Antonov

Den zweiten großen Namen des Abends trug das Orchester. Das Ural Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Dmitri Liss zählt zu den bekanntesten Russlands. Als Instrumentalwerke spielte man die bekannte Polonaise aus Tschaikowskys Eugen Onegin, dessen russisch-italienisch geprägtes Orchesterwerk Capriccio italien, die schwungvolle Ouvertüre zu Rossinis La gazza ladra und am wohl bekanntesten – der Ravel’sche Valse. Wie Ravel in seinem später entstandenen weltberühmten Boléro den musikalischen Ausdruck für die Monotonie der modernen Arbeitswelt gefunden hat, kann der Valse als ein Abgesang auf die alte Welt gehört werden. Die alte Welt – das ist die Welt des Prunks und des Glanzes, die Welt des festlichen Walzertanzes; die neue Welt – das ist das Jahr 1914, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Wie diese zwei Welten ineinanderbrechen, und der Walzer schlussendlich unter schicksalhaftem Kriegslärm zusammenbricht, ist erschütternd komponiert. Selbst, wenn Ravel sich gegen eine zeitbezogene Deutung zeit seines Lebens ausgesprochen hat. Doch behält ein Künstler das letzte Wort über sein Werk?

Liss interpretierte Ravels Orchesterwerk mit Verve und Überzeugung, und lässt das das musikalische Gebilde nach den letzten, alles vernichtenden Tönen schließlich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus, sodass von all der Feierlichkeit und Schönheit, welche die Komposition in sich birgt, nichts mehr übrigbleibt. Das ist kein interpretatorisches Missgeschick, sondern Ravel wie man ihn spielen muss – konsequent, stringent und endgültig.

Abschließend bleibt zu sagen, dass der Konzertabend in seinem Zusammenwirken solch begnadeter Musiker großen Eindruck hinterlassen hat. Und so konnte es auch nicht anders sein, als dass man den Künstlern nach zwei Konzertstunden unaufhörliche standing ovations darbot – nicht aus Reflex oder Konvention, sondern aus ehrlicher, tief empfundener Überzeugung.

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