Mozarts „Entführung“ in Graz – eine große Enttäuschung

Mozarts Entführung aus dem Serail galt bereits zu dessen Lebzeiten als eines der populärsten Bühnenwerke des Komponisten. Die Oper Graz versucht nun, die altbekannte Oper anhand von modernen Fragen neu zu beleben; Fragen, die da lauten: Wie viel Treue kann man von seinem Partner erwarten? Und wie viel von sich selbst? Wo beginnt Fremdgehen? In dem Moment, in dem man sich zu einem anderen hingezogen fühlt? Oder erst, wenn man sein Begehren formuliert oder gar auslebt?“ (Homepage der Oper Graz).

Der Modernisierungsversuch geht mit dem Versuch einher, Schnitzlers berühmte Traumnovelle in die Handlung miteinfließen zu lassen. Die Inszenierung selbst wird im 21. Jahrhundert angesiedelt.

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(c) Werner Kmetitsch

Mozarts Oper zu modernisieren und neu zu beleben – so lautet also das große Vorhaben. Nur wird dabei auf ein nicht unwesentliches Detail vergessen: Diese Oper benötigt weder Modernisierung, noch Belebung. Sie steht für sich alleine. Dass die oben zitierten Fragen im Kontext dieser Oper behandelt werden, ist selbstverständlich – dazu braucht es keine Transkription ins Hier und Heute. Wer solche Meinung aber ausspricht, wird vonseiten Produktionsverantwortlicher als reaktionär und arrogant abgetan, als jemand, der in seinen Haltungen und Anschauungen antiquiert und verstaubt sei. Nur frage ich mich: Welche Arroganz ist größer? Die des Kunstliebenden, der lästig wie eine Stubenfliege auf Werktreue beharrt – oder die des radikalen Regisseurs, dessen Modernisierungsversuche dem Publikum indirekt suggerieren, es wäre auf seine Hilfestellung angewiesen, um Mozart und sein Werk zu begreifen. Mozart dient hier lediglich als Lückenfüller. Es könnte genauso jeder andere große Name angeführt werden. Gibt es doch kaum ein Genie der Bühnenkunst, das in den vergangenen Jahrzehnten vom modernen Regietheater nicht aufs Kläglichste missinterpretiert und -verstanden worden wäre.

Missinterpretiert und -verstanden hat auch Regisseurin Eva-Maria Höckmayr die von ihr inszenierte Serail-Oper durch penetrante Verweise auf Psychoanalyse und Schnitzler. Denn womit der vergangene Premierenabend endete, war die absehbare Enttäuschung darüber, dass ihr Regiewerk weder dem Wunderkind aus Salzburg, noch dem Meisterdramatiker aus Wien gerecht geworden ist. Gewiss, die Parallelen zur bereits erwähnten Traumnovelle waren unübersehbar. Aber Parallelen ergeben nur dann Sinn, wenn sie intelligent zum Einsatz kommen. Höckmayr jedoch gelingt es weder die musikalische Aussagekraft Mozarts ins eigentliche Zentrum zu rücken, noch die psychologische Feinheit und Quintessenz des späten Schnitzler zu erfassen. Was übrig bleibt, ist Chaos, das nicht mehr erlaubt, dem traditionellen Verlauf der Handlung zu folgen.

Gerettet wird der Abend leider auch auf musikalischer Seite nicht. Belmonte-Tenor Mirko Roschkowski gelingt es bis Ende nicht mit seiner Rolle warmzuwerden. Sophia Brommer, die die Konstanze gab, trifft in der ersten Hälfte nicht alle Töne, was sie mit ins Kreischen mutierender Mühe zu kaschieren versucht. Die zweite Hälfte des Abends fällt ihr hörbar leichter.

Lediglich Dirigent Dirk Kaftan und sein Grazer Philharmonisches Orchester erwiesen sich wie gewohnt souverän und sicher in der musikalischen Ausführung.

Fazit des Abends bleibt jedoch – eine große Enttäuschung.

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