Ein Blick in Belmontes Kopf

Die Entführung aus dem Serail wird in der aktuellen Inszenierung der Oper Graz zur Entfremdung eines Paares, anstelle einer Reise in den Orient findet eine Reise in die Vorstellungswelt Belmontes statt, der sich mit der Möglichkeit der Untreue seiner Partnerin Konstanze auseinandersetzen muss. 

Mit der ursprünglichen Oper von Wolfgang Amadeus Mozart hat die Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr und Mark Schachtsiek nur die musikalische Ebene gemein. Auf der Handlungsebene vermischt sich diese mit Motiven aus Schnitzlers „Traumnovelle“, Hugo von Hofmannsthals „Der goldene Apfel“ und „Erzählungen aus den Tausendunein Nächten“. Das ist zwar ein interessanter Versuch, jedoch gelingt die Verschmelzung dieser unterschiedlichen Texte nur teilweise.

Das Paar Konstanze (Sophie Brommer) und Belmonte (Mirko Roschkowski) kommt von einer Veranstaltung nach Hause. Während Konstanze bald den Schlaf findet, muss Belmonte darüber nachdenken, was ihm seine Frau zuvor erzählt hat: von einem Moment, in dem sie Belmonte zumindest gedanklich bereits betrogen hatte; von einem gut aussehenden Fremden, für den sie Belmonte und ihre Tochter ohne zu zögern aufgegeben hätte. Davon ausgehend vollzieht sich die Handlung über eine Nacht, die Belmonte und Konstanze zwischen Wachen und Wahnträumen verbringen und dabei um die Definition ihrer Partnerschaft und den Begriff der Treue ringen.

Der Übergang zwischen realer und fantastischer Traumwelt funktioniert perfekt. Während die Rahmenhandlung das Paar Belmonte und Konstanze in ihrem 0815-Katalog-Schlafzimmer in Weiß zeigt, öffnet die Schlafzimmerwand Einblicke in Belmontes Erinnerungen und die Traumwelt. Das Bühnenbild der fantastischen Welt erinnert dabei mit den überdimensionalen Gegenständen, wie Lampen oder Äpfeln, und verschleierten Figuren an die surrealistischen Gemälde von René Magritte.

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Cathrin Lange, Taylan Reinhard, Mirko Roschkowski, Sophia Brommer (c) Werner Kmetitsch

 

Hingegen wirken die textlichen Übergänge zwischen der realistischen und fantastischen Handlungsebene teilweise zu holprig und zu gewollt. Etwa wenn Konstanze aus einem Albtraum erwacht und diesen – eine Mischung der ursprünglichen Mozart-Geschichte mit der Traumnovelle – Belmonte zu schildern versucht. Der Text des Singsspiels steht nicht nur konträr zur gesprochenen Alltagssprache, wodurch beides überzogen künstlich wirkt, sondern steht, aufgrund der großen Abweichungen, auch teilweise im Kontrast zur Handlung.

Diese Inszenierung ist Menschen zu empfehlen, die intermediale Bezüge, künstlerische Collagen und Surrealismus mögen oder für Schnitzlers Traumnovelle und Kubricks Adaption Eyes Wide Shut schwärmen.Wer eine klassische Inszenierung sehen will, sollte hingegen auf eine andere Interpretation oder die Erfindung der Zeitmaschine warten.

Weitere Vorstellungen finden bis zum 19. Juni statt.

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