Trunken vom Leben

Was passiert, wenn man 14 Betrunkenen im Laufe einer Nacht beobachtet? Man sieht sie fluchen, fallen, flehen. Über Gott und die Liebe reden, über das Leben philosophieren. Nach russischer Tradition. Die von Iwan Wyrypajew erdachten Figuren gehören der sozialen Oberschicht an, sind gebildet und gut situiert. Sie stehen mitten im Leben. Da aber der Alkohol sie regiert, sprechen sie offen aus, was sie bewegt – Gott spricht durch die Betrunkenen. Sie (und Kinder) sprechen ja bekanntlich nackte Tatsachen aus. Kritisch und ohne Rücksicht auf Konventionen stellen sie essentielle Sinnfragen und führen mit vulgärer Zunge Wertediskussionen. Abgewandelte Bibelzitate, blasphemische Kommentare, Illusionen sowie Bitterkeit und Resignation ergeben das widersprüchliche Psychogramm einer Gesellschaft, in der Menschsein schwierig und träumen verpönt ist. Von „Gott gibt es nicht“ bis „Wir alle sind Gott“ reicht das Paradigma. Der Sager „Keiner kann mehr von mir wollen als ich selbst es kann“ ist nur eine der vielen Wahrheiten, mit der sich die „Generation beziehungsunfähig“ (Michael Nast) herumschlägt.

Der Spagat zwischen Unabhängigkeit und Einsamkeit zermürbt. Die „Generation, die nichts fühlt, weil sie den Kontakt verloren hat – den Kontakt zur Realität“ und zwischen Extremen hin- und her geschleudert wird, auf der Suche nach der goldenen Mitte, dem perfekten Lebensentwurf, der erfüllten Liebe, der Spiritualität und dem Sinn des Lebens, kommt schließlich zu dem Schluss, dass die „Welt eine Perle im Scheißhaufen ist“ und die wahre Freiheit erst in der Hingabe liegt. Lügen ist nehmen und geschehen ist nehmen – mitten aus dem Leben gegriffene Überlegungen bieten den ganzen Abend hindurch Identifikationsmöglichkeiten halten den Zuschauern einen Spiegel vor. Die Moral von der Geschicht’: „Hört auf euch anzuscheißen“, denn es ist an der Zeit endlich wieder mehr zu lieben als sich selbst.

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(c) Lupi Spuma

„Betrunkene“ von Iwan Wyrypajew unter der Regie von Bernadette Sonnenbichler und mit Clemens Maria Riegler, Tamara Semzov, Fredrik Jan Hofmann und Werner Strenger (u.a.) ist noch bis Ende Juni am Schauspielhaus Graz zu sehen. Während man aus dem Staunen über so viel unverblümte Wahrheit nicht mehr aus dem Denken herauskommt, schöpft das Stück zudem noch mit einer Schwebebühne und großartig-authentischer Performance der Darsteller die Raffinessen des Mediums Theater voll aus.

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