Tiefer Blick in die Seele nach zu tiefem Blick ins Glas

Was passieren kann, wenn der Alkohol nicht nur zu Kopfe steigt, sondern auch das Herz verwirrt und die tiefsten Gründe der Seele freilegt, zeigen Iwan Wyrypajews Betrunkene im Grazer Schauspielhaus.

Wir alle sind Gott, alles (auch stinkende Socken) ist Liebe, und die Welt ist eine Perle in einem Scheißhaufen – eine Auswahl der Postulate zu existenziellen Themen, die in einer angesichts des Titels unerwarteten Dichte vorkommen und gut zusammenfassen, worum es geht. Offenbar haben die Menschen im nüchternen Zustand keine Zeit mehr, sich über die wichtigen Fragen des Lebens Gedanken zu machen. In einer durchzechten Nacht jedoch kommen Dinge hervor, die irgendwo tief drin geschlummert haben und nun in der Enthemmung ausbrechen können.
Zunächst wirkt die Darbietung noch beliebig und oberflächlich. Getorkel, Lallen und der in die gefüllte Badewanne fallende Laurenz bieten zwar Unterhaltung, aber nur für begrenzte Zeit, denn in den an Brechts episches Theater erinnernden nummerierten Szenen wiederholt sich vieles so oft, dass es langatmig wird.
Zu den Betrunkenen gehören der Direktor des Internationalen Filmfestivals namens Mark sowie Martha, die das Befinden wohl sämtlicher Beteiligter auf den Punkt bringt: „Ich bin auf der Suche nach mir und jetzt möchte ich kotzen.“ Ebenfalls stockbesoffen sind das frischgebackene Hochzeitspaar Laurenz, welcher triefend der Badewanne entsteigt, und Magdalena, flankiert von der vor nicht allzu langer Zeit von Laurenz verlassenen Laura, weiters ein befreundetes Paar nach einem gemeinsam verbrachten Abend und Max, der Sales-Manager einer Bank, der mit Freunden und einer Prostituierten seinen Junggesellenabschied im vegetarischen Restaurant seiner Eltern überreichlich begossen hat.
Nach der Pause gewinnt die Inszenierung von Bernadette Sonnenbichler an Dynamik und Tiefgang, ohne jedoch auf zahlreiche witzige Szenen zu verzichten. Spannend und mitunter brisant wird es, wenn einander unbekannte Mitglieder der verschiedenen Gruppen sich begegnen und Grundsätze wie Treue über Bord werfen. Das Thema Lüge drängt sich geradezu auf und manifestiert sich in Geständnissen mehrerer vergangener Affären.

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Feucht-fröhlicher Junggesellenabschied (Foto: Lupi Spuma)

Liebe und Gottes Geflüster

Wie ein roter Faden ziehen sich Liebeskonzepte und Gottesbilder durch das Stück. Dichotomische Ansichten über die Liebe bringen Magdalena („Wenn du liebst, bist du am Boden“) und Martha („Wenn du nicht liebst, dann schläfst du.“) zum Ausdruck. Engel Gabriel höchstpersönlich verkündet mit Inbrunst, flatternden Flügeln und unermüdlich wiederholter Berufung auf seinen Bruder, der katholischer Priester ist: „Wir alle hören Gottes Geflüster in unseren Herzen.“ Sehr viel bedrohlicher ist die Ansicht Karls, der Herr würde nach jedem Wort fragen, das aus unserem Mund kommt. Das göttliche Geflüster wird allerdings überstrapaziert, sodass man es am Ende der Szene definitiv nicht mehr hören kann.
Großartig ist die Bühne von Wolfgang Menardi, dasHerzstück eine hängende Plattform, deren Winkel sich mit jeder Szene verändert und die leicht schaukelt. Sie spiegelt – im wahrsten Sinne des Wortes – den illuminierten Zustand der Personen, der dafür sorgt, dass alles schief und fragwürdig scheint: der Boden, in der zweiten Hälfte des Stückes mit Wasser bedeckt, ebenso wie bisher für selbstverständlich gehaltene Verhältnisse.
Die sieben Schauspieler haben jeweils Doppelrollen. Tamara Semzov verkörpert wunderbar geschmeidig und mit prägnanter Stimme die russische Poledance-Ballerina Rosa. Florian Köhler, der auch Mark spielt, stellt als Max in einem beeindruckenden Monolog fest, er habe den Kontakt zur Realität verloren, und prangert die Bequemlichkeit und Tatenlosigkeit der Menschen an, die nicht mehr wüssten, was das Wichtigste im Leben sei und daher nicht frei sein könnten. Auch dazu gibt es jedoch einen Gegenpol, nämlich die eher optimistisch Einstellung von Laurenz, der nicht glaubt, dass die Menschen immerzu lügen. Um all die existenziellen Probleme zu bewältigen, gibt es einen Rat Gottes, der, wie man erfährt, mit der Zunge der Betrunkenen spricht: „Macht euch nicht in die Hosen!“

 

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