Vor dem Sturm ist nach dem Sturm

Stephan Rottkamps Inszenierung vom shakespearischen Klassiker „Der Sturm“ am Schauspielhaus Graz

Der ehemaliger Herzog von Mailand Prospero und seine Tochter Miranda strandeten vor 12 Jahren auf einer Insel, als Prosperos Bruder Alonso – König von Neapel – ihn stürzte. Nun regiert Prospero über die Insel und deren Bewohner, namentlich der Luftgeist Ariel und der deformierte Caliban. Als Alonso und seine Gefolgschaft eines Tages ebenso auf besagter Insel stranden, werden sie in eine magische und zugleich illusionistisch-abgründige Welt entführt. Als Tragikomödie kommt es letzendlich zum Happy End für die zwei jungen Verliebten und alle Beteiligten bleiben am Leben. Offen bleibt aber, ob Prospero nach dem Befreien der Gefangenen selbst zur Erlösung findet. Zumindest das Publikum kommt durch Applaus seinem Wunsch nach.

der-sturm-barbara-petritsch-damenchor-c-lupi-spuma_0er_336(c) Lupi Suma

Das zunächst visuell und olfaktorisch gewöhnungsbedürftige Bühnenbild – eine „Dreckoase“ – erweist sich im Zuge des Stückes als gut durchdachter Kunstgriff. Die Insel als surrelater Ort des Geschehens wurde bewusst nicht als idyllisches und paradieseisches Klischee inszeniert, sondern soll gezielt den Abgrund der menschlichen Seele, das Animalische und Grausame in ihr ins Licht rücken. Eine dekadent-düstere Stimmung erzeugt hierbei auch die ausgewählte Hintergrundmusik (etwa von Lana del Rey), mit der Ariel die Gestrandeten in die Irre leiten will.

der-sturm-ensemble-c-lupi-spuma_0er_281(c) Lupi Suma

Aus der durchgehend ausdrucksstarken Besetzung stach vor allem Julia Gräfner als Inselmonster Caliban hervor. Sich zwei Stunden im Dreck zu wälzen und vierbeinig durch den Schlamm zu krabbeln, wünscht man wohl niemandem. Dennoch ließ sie sich diese Qual an keiner Stelle anmerken und spielte dabei den Rest der Besetzung an die Wand. Burgtheaterlegende Barbara Petritsch (Prospero) mimte ihre tragende Rolle mit düsterer Souveränität und Dramatik. Sarah Sophia Meyer verkörperte den anmutigen Inselgeist Ariel als optisch und darstellerisch surreales Wesen, wobei sich der Bruch zu den anderen Figuren insbesondere auch durch ihre schillernden Köstüme ergibt.

Die durchgehende, zweistündige Aufführungsdauer macht sich in den von teilweise etwas langatmigen Mono- und Dialogen getragenenen Szenen bemerkbar; dennoch sorgen komödienhafte Einlagen für Erfrischung zwischendurch.

Ob „Der Sturm“ als Shakespeares Abschied von der Theaterwelt zu werten ist, wie viele Interpreten meinen, kann an dieser Stelle offengelassen werden. Fest steht, dass dessen Thematik gerade jetzt besonders aktuell ist: Wie reagieren wir auf das Fremde? Lassen wir uns von Ängsten, Machtlüsten und Giertrieben leiten, oder schaffen wir es, als Mensch dem Menschen gegenüber zu treten?

In der auslaufenden Saison gibt es noch einmal die Möglichkeit, „Der Sturm“ auf sich wirken zu lassen: weitere Informationen hier

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