„Nichts ist gut und wird auch nichts gut“

Hoffnungslosigkeit und Elend lassen Liebe und Vertrauen in Thomas Arzts „Verbrecherballade“ Johnny Breitwieser am Grazer Schauspielhaus keinen Platz.

Im Kampf ums tägliche Brot in der Wiener Vorstadt kurz vor dem Ersten Weltkrieg tut sich Johnny Breitwieser (Florian Köhler) als vom Volk bewunderter Robin Hood hervor. Mit Dreitagebart, schwarz-weißen Lackschuhen, etwas verschlissenem Anzug und – wenngleich niemals gebundener – Krawatte ist er im Vergleich zu den anderen Armen eine stattliche Erscheinung. Das weiß er auch, gibt sich kalt und grob und übt eine Art Macht in seinem Milieu aus. Dem Einbrecher und seinen Komplizen stets auf den Fersen ist Kommissar Schödl, Personifikation des Staates und von Rachegelüsten getrieben, seit Johnny ihm die Hand verletzt hat. Süffisant und seelenruhig zieht er das Netz um die Bande immer enger.
Malke Rosa Vogel hat für die Inszenierung von Mathias Schönsee eigens die Musik komponiert, die mit den einprägsamen Texten von Thomas Arzt nicht nur als Untermalung, sondern vielmehr als roter Faden dient und vom Ensemble sowohl instrumental als auch mit beachtlicher Gesangsleistung umgesetzt wird. Herausragend ist Franz Solar, der sich als Trommler lässig im Rhythmus schwingt, auf dem Xylophon zarte Melodien hervorbringt und vor allem jenes Lied singt, das am stärksten an Bertolt Brechts episches Theater erinnert: „Wer wartet heut‘ auf einen Helden, der wartet lang in diesem Saal“, schmettert er und beteuert, die Geschichte sei wahr und banal. Die Lieder sind die Begleitmusik zum Untergang, denn die Möglichkeit zur glücklichen Wende ist in keinem Moment wirklich gegeben.

Reiz des Anderen

Verbrechen könne das Richtige sein, es lasse sich aus der Notwendigkeit ableiten, erklärt Johnny vor dem Einbruch in die Bank der reichen Witwe Greta (Veronika Glatzner). Mit seinem Charme verkehrt Johnny auch in den höheren Kreisen der Stadt und erfährt so, wo es etwas zu holen gibt. Veronika Glatzner in schillernder Robe und schwerem Mantel mit Pelzkragen die Reichen verkörpernd hat ihn jedoch reingelegt und die Bank längst verkauft, sodass kein Geld mehr zu finden ist. Sie ist fasziniert von diesem Gauner, hält ihn für außergewöhnlich und fühlt sich von seiner Verwegenheit angezogen. Auch Johnny kann ihr nicht widerstehen, aber obwohl beim innigen Tanzen auf einem Ball, bei dem er sich mit seinen Freunden eingeschlichen hat, die Erotik zwischen den beiden sprüht, finden sie nie richtig zueinander – zu groß ist der gesellschaftliche Unterschied. Das Wechselbad der Gefühle zeigt sich auch in jenen Szenen, wo sie Schultern und Köpfe aneinanderschmiegen, mit dem Rest ihrer Körper aber voneinander wegzustreben scheinen, was ein amüsantes Bild bietet.

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Der Robin Hood der Vorstadt Johnny Breitwieser (Florian Köhler) und Julia Richter als seine Geliebte Anne (Foto: Lupi Spuma)

Reichtum und Scheitern

Durch den Einbruch in eine Waffenfabrik kommt Johnny zwar zu Reichtum, aber nicht zur Ruhe. Mit seiner Geliebten Anne bewohnt er ein Haus, aber sie beginnt zu trinken und das Volk in Gestalt von Silvana Veit sitzt ihm im Nacken, er habe zu wenig getan, um den anderen zu helfen. Die zarte, verletzlich wirkende, aber doch starke Anne, beeindruckend gespielt von Julia Richter, wünscht sich sein Herz, aber das kann er nicht geben. Zu sehr zerrüttet ihn diese verhasste Existenz, denn was Johnny will, ist ein gesichertes Leben ohne Kriminalität. Florian Köhler führt mit Kleidung, Mimik und Bewegungen auf fesselnde Art das langsame Zerbrechen eines Menschen vor Augen. Zwar kommt er zunächst aus dem Gefängnis zurück in die Vorstadt und übernimmt wieder das Sagen, aber letztendlich hat er sich umsonst abgekämpft.
Inbegriff der gescheiterten Existenz ist Wenzl, immer wieder auch von Johnny erniedrigt und von seiner Geliebten zurückgewiesen. Liebe kann in dieser von Hunger und Gewalt geprägten Umwelt nicht gedeihen. Vielmehr herrscht unter den Armen Feindseligkeit und Misstrauen. Die soziale Schicht manifestiert sich auch deutlich an ihrer Sprache, vor allem im Kontrast zur glasklaren Ausdrucksweise Gretas. Knapp und schmucklos sind die Sätze von Thomas Arzt, dafür mit umso konzentrierter Brisanz: „Überall der Ruf nach einem Krieg, aber das Land tut nur schauen bewegungslos“, heißt es. Der Erste Weltkrieg kommt, der Krieg in der Vorstadt geht weiter. Schödl zieht süffisant lächelnd im Hintergrund die Fäden und muss nur im richtigen Augenblick zur Stelle sein.Johnny Breitwieser ist ein aufrüttelndes Stück, und mit viel Einsatz vermittelt das Ensemble den Gegensatz zwischen den Luxusproblemen der Begüterten und der Resignation und Verzweiflung jener, die am Rande der Gesellschaft ein kaum noch menschenwürdiges Leben führen.

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