Eine enttäuschende Carmen

Skurril kehrt Bizets Carmen ans Opernhaus Graz zurück. Skurril, weil die wiederaufgenommene Inszenierung vermischte Erzählformen sucht und damit vor allem für Verwirrung stiftet. Am ehesten lassen sich noch die – meist sehr aufdringlichen, oft sehr unoriginellen – Symbole des Regisseurs entschlüsseln. So verweist der Junge mit Pfeil und Bogen auf niemand anders als den römischen Gott der Liebe – Amor. Und die personifizierten Frauengestalten aus der Kunstgeschichte? Sei es die Freiheitsfigur aus Delacroix‘ berühmtestem Gemälde La Liberté guidant le peuple, sei es Edvard Munchs Madonnenbildnis, sei es Gustav Klimts Judith – sie allesamt verkörpern den Typus der stürmischen und selbstbestimmten Frau, also jenen Typus Frau, der im ausgehenden 19. Jahrhundert unter dem Ausdruck femme fatale seine Kreise zog. Diesem Frauentypus lässt sich selbstverständlich auch Carmen zuordnen – die eigenwillige Verführerin, die Männer erst begierig macht, um sie anschließend wieder fallen zu lassen. So auch Don José – den traurigen Helden dieser berühmtesten Oper Frankreichs.

Carmen

Carmen (Oper Graz) – (c) Werner Kmetitsch

Wozu aber zwei Männer in Frauenkleidung die Handlung dieser tragischen, jedoch betörend schönen Liebesgeschichte kommentieren müssen – noch dazu mit verweiblichter Stimme, um anspruchslose Lacher zu ernten – bleibt selbst einem regietoleranten Zuseher schleierhaft. Faktum ist: Die Inszenierung entfernt sich zunehmend vom eigentlichen Kern dieses Juwels französischer Musikgeschichte. Und zurück bleibt die Frage des Warum? Dass die Oper Graz es besser und intelligenter kann, hat sie bewiesen. Selbst in einer von enttäuschenden Produktionen überlasteten Saison 15/16. Man denke an Luisa Miller. Diese Inszenierung war ein wohltuender Beleg dafür, dass man auch in der Tradition neue Wege einschlagen kann.

Wenn die Einführung vor Beginn des Stücks dem Publikum also vermitteln möchte, man könne Carmen im Jahr 2016 nicht mehr im Musealen lassen, so möchte ich mit Vehemenz widersprechen: Nicht vor dem Musealen sollten wir uns hüten, sondern vor der willkürlichen Freiheit der Regisseure.

Wie schade, dass gerade durch die Missgeschicke der Inszenierung untergegangen ist, dass Sänger und Sängerinnen eine große Leistung auf die Bühne gebracht haben. Was aber zurückblieb, war ein schaler Nachgeschmack. Auch die leeren Reihen der zweiten Opernhälfte sprechen für sich.

Wer sich dennoch ein eigenes Bild machen möchte, sei auf die Termine 15., 18., 22. und 24. Juni verwiesen.

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