Carmen im Rahmen

Am Mittwoch dieser Woche durfte man einen der großen Lieblinge der Opernwelt in Graz erleben: Bizets Carmen. Die Produktion der Grazer Oper ist eine Wiederaufnahme von 2016 und zeigt eine mit Kunst angereicherte Inszenierung von Stefan Herheim.

Carmen (Dshamilja Kaiser) und die kunst ; (c) Werner Kmetitsch

Carmen (Dshamilja Kaiser) und die kunst ; (c) Werner Kmetitsch

„Die Kunst ist schon wieder ausgebrochen!“, ruft der Museumwärter in einen Trubel voll belebter Bilder. Man sieht die französische Liberté, Queen Elizabeth I, Andy Warhol und viele andere, die aus ihren Gemälden entflohen sind. Die Grenzen der Kunst erkennen und aufbrechen, dies scheint die Regie vermitteln zu wollen. Carmen beginnt ihren Werdegang als Putzfrau im Museum, die neckisch mit dem Wärter Don José liebäugelt. Eine neue Ebene eröffnet sich, als aus den Bildern an der Wand Josés Kollegen und Carmens Mitarbeiterinnen steigen, diese nun alle in historischen Soldaten- und Zigeunerkostümen. Das Liebespaar lässt sich in diese „neue“ Welt hineinziehen und so nehmen Leidenschaft und Untergang ihren Lauf. Effektvoll sind die Ideen von Herheim in jedem Fall, auch unterhaltend und gut umgesetzt. Einzig fragt man sich, warum er dieses Konzept gerade für die Carmen ausgewählt hat. Bedarf eine Oper, die mit ihrer fesselnden Geschichte und hinreißenden Musik keine Minute der Langeweile zulässt, denn wirklich eines derartigen „Umstylings“? Der Bezug zur bildenden Kunst scheint mit Sicht auf das Libretto diesem Opernstoff doch etwas sehr fern zu sein.
Nichtsdestotrotz kommt man an etlichen Lachern und Staunern an diesem Abend nicht vorbei. Wenn Taylan Reinhard und Ivan Oreščanin etwa in die Rollen zwei besonders weiblicher Abbilder von Carmen und Micaëla schlüpfen (zwei Schmuggler sind es im Original), ist die Unterhaltung des Publikums gesichert. Sämtliche Figuren auf der Bühne von den Sängern bis zur Statisterie sorgten mit einem heiteren Spiel untereinander für einen stimmigen Gesamteindruck. Der Chor und die Singschul einstudiert von Bernhard Schneider und Andrea Fournier überzeugten wie so oft mit Einklang und mitreißender Dynamik.

Micaela (Sophia Brommer) und Don José (Martin Muehle) ; (c) Werner Kmetitsch

Micaela (Sophia Brommer) und Don José (Martin Muehle) ; (c) Werner Kmetitsch

Dshamilja Kaiser verkörperte die Carmen gesanglich solide und mit jugendlich kokettem Spiel. In Arien wie ihrem Kastagnetten-Tanz für Don Jose gelingt es ihr, alle Resonanzräume ihres Körpers zu nutzen. An diesen Stellen klingt sie besonders vollmundig, während sie in den Ensembles eher kopflastig singt. Martin Muehle hat mit seinem Tenor viel Kraft und Durchsetzungsvermögen und verkörpert einen Don José voll Leidenschaft. Die berühmte Blumenarie seiner Figur singt er mit flehendem Herz und stimmlicher Sicherheit und erntet dafür verdienten Applaus. Sein Gegenspieler Markus Butter als Escamillo singt mit Präsenz, wirkt an manchen Passagen allerdings etwas unstet. Als Perle des Abends entpuppte sich Sophia Brommer in der Rolle der aufopfernden Micaëla. Mit fließenden Übergängen von zart zu leidenschaftlich hat ihre Stimme besonders viel Charakter. Die Färbung ihres Sopranes ist im schönsten Sinne altmodisch und erinnert an klassische Aufnahmen, die noch auf Vinyl festgehalten sind.

In Summe: eine jedenfalls hörenswerte Aufführung! Wem die Kunst nicht so nahe steht, der schließe die Augen und lasse sich von den wunderbaren Klängen durch die Geschichte leiten. Schön wieder in Graz zu sein.

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