Bedrohliche Rast im Nirgendwo

Wo nur das Gesetz der Straße regiert und Menschen nicht mehr als Zahlen für die Unfallstatistik sind, gibt es nichts als dosenfleisch. Ferdinand Schmalz‘ Stück beeindruckt am Grazer Schauspielhaus.

Es gibt einen Ort jenseits von Raum und Zeit. Das Leben rauscht daran vorbei. Wer kommt, bleibt nicht lange. Kurz innehalten und weiter, schnell wieder funktionieren. Rolf hat es nicht so eilig. Als Versicherungsvertreter mit braunem Cordhemd, himmelblauer Hose und markanter Brille hat sich Nico Link der Aufklärung einer Unfallserie verschrieben. Der Biedermann mit sonorer Bassstimme und prüfendem Blick nimmt seine Sache sehr ernst – zu ernst für Beates Geschmack, die den tölpelhaften Detektiv mit Kamera misstrauisch und kaugummikauend beäugt. Als resolute Herrin der Tankstelle kennt sie das Gesetz der Straße und die mit Unglück behaftete Autobahnpassage, an der Menschen regelmäßig zu Fleischsalat werden.

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Das Unvorhersehbare bahnt sich an. (Foto: Lupi Spuma)

Geschäft mit dem Unglück

Die Autobahn spuckt aber auch Lebendiges aus – zwei Coolness verkörpernde Fernfahrer zum Beispiel (Pascal Gofin und Raphael Muff), die sich zu einer Rast genötigt sehen, weil vor ihnen ein LKW verunglückt und die Straße mit Dosenfleisch übersäht ist. In trauter Einigkeit vertreiben sie sich mit autobahnphilosophischen Reden die Wartezeit. Das Weiterfahren und nicht Weiterkönnen, der Wunsch nach Aufbruch treiben die Stürmer und Dränger der Straße um. In Ledermontur harren sie breitbeinig ihres Schicksals und begleiten die Geschehnisse auf der Tankstelle mit Musik, die an einen Roadmovie erinnert.
Als Autobahnoase bezeichnet Beate ihre „Tanke“. Dass es dort so paradiesisch nicht ist, muss Rolf schmerzlich erfahren. Seine Mission wird durch die geheimnisvolle Jayne (Sarah Sophia Meyer) gestört, die den prüden Spießbürger gehörig aus dem Konzept bringt. Kurz vergisst er seine Funktion und der Mensch in ihm kommt zum Vorschein – der Mensch, der andere täglich nach ihren Wunden kategorisiert und sein Geschäft mit dem Unglück betreibt, wodurch er selbst unglücklich wurde und nun auf dieser Raststation auf das nächste Unglück erwarten muss.

Schrottreife Menschen

„Bald ist’s so weit, bald knallt es unten wieder“, meint Beate prophetisch und hantiert beflissen mit dem Lamellenvorhang, der zunächst nur Ausschnitte der Tankstelle enthüllt und schließlich den Blick auf ein Grauen freigibt, angesichts dessen der Titel des Stücks eine neue Dimension erhält und dem Rolf nicht mehr entfliehen kann. Er ist bereits in den Fängen der beiden Damen, die ihre Menschlichkeit auf der Autobahn verloren haben und ihn stets wie Löwinnen umkreisen. Es birgt eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet einem Versicherungsvertreter etwas passiert, womit er nicht im Entferntesten gerechnet hat.
In der Inszenierung von Jan Stephan Schmieding herrscht fast durchgehend eine spürbare Distanz und Spannung zwischen Rolf, Beate und Jayne. Man misstraut einander, sieht sich befremdlich an und ist stets wachsam. Die Fernfahrer scheinen ihre übertriebene Lässigkeit zu gebrauchen, um nichts an sich heranzulassen. Der mit unzähligen Verkehrsmetaphern durchsetzte Text des Grazer Autors Ferdinand Schmalz thematisiert die Reduktion des Menschen auf seine Funktion und die Suche nach dem Ich, wenn der Rückhalt des Alltags nicht mehr gegeben ist. „Schrottreife Menschen“, nicht mehr Wert als Dosenfleisch, treffen aufeinander – an einem Ort jenseits von Raum und Zeit.

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Bedrohliche Rast im Nirgendwo

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