American Dream in Wort und Musik

Die Styriarte beschert Graz wieder einen musikalischen Sommer und setzt unter anderem auf die Verbindung von Texten und Musik. So ließ die Veranstaltung I have a dream gestern in der Helmut-List-Halle die amerikanische Geschichte mit der Stimme von Karl Markovics aufleben.

Nachdem ein Gewitter mit Wolkenbruch und gewaltigen Windböen so manche Konzertgäste durchnässt in die Helmut-List-Halle gefegt hat, erweckt ein Sturm der anderen Art große Gefühle. Die mitreißenden und erhebenden Worte legendärer amerikanischer Reden schallen, getragen von Karl Markovics‘ Stimme, durch den Saal und erfüllen den hohen Raum über den Zuschauerreihen mit amerikanischer Geschichte. Bevor der Schauspieler zu einer Lesung aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 anhebt, eröffnet die vienna clarinet connection mit George Gershwins Rhapsody in Blue in einer Bearbeitung von Wolfgang Kornberger virtuos und beschwingt das Konzert. Helmut Hödl und Rupert Fankhauser spielen die Klarinetten, Hubert Salmhofer das Bassetthorn und Wolfgang Kornberger die Bassklarinette.

Musik und Texte wechseln einander ab, ergänzen einander und schaffen einen ebenso politischen wie emotionalen Abend, einen Streifzug durch die bewegte amerikanische Geschichte in Form der berühmtesten Reden von der Unabhängigkeitserklärung bis hin zu Barack Obamas Rede vergangenen Jänner, verbunden mit Reaktionen von Dichtern und Komponisten auf politische Umbrüche. Nachdem im November 1963 in Dallas der junge, liberale Präsident John F. Kennedy erschossen worden war, schrieb Igor Strawinsky seine nur zweiminütige Elegy for JFK, ein sehr persönlicher, zarter Ausdruck der Trauer, ebenso gefühlvoll gesungen vom Bariton Mathias Hausmann und am Klavier begleitet von Gary Matthewman wie zuvor Kurt Weills Vertonung von drei Gedichten Walt Whitmans, darunter das berühmte Oh Captain! My Capain!

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vienna clarinet connection

Vergangenheit und Zukunft

So sehr der Abend Vergangenheit atmen lässt, wird deutlich, dass auch die Worte der großen amerikanischen Staatsmänner vor Obama heute noch Gültigkeit haben. Die Menschenrechte werden in Erinnerung gerufen, das Recht auf Leben und Freiheit, das Recht auf Glückseligkeit – die Essenz des American Dream, der mitten in Graz an einem stürmischen Sommerabend durch Musik und Worte lebendig wird. Es geht um die Grundlagen der Demokratie, um Aufbruch, der stets mit Freude und Furcht verbunden ist, um Hoffnung und Angst in schwierigen Zeiten und nicht zuletzt um die Frage, ob eine Nation dauerhaft bestehen kann, gestellt von Abraham Lincoln in seiner kurzen, aber einprägsamen Gettysburg Address von 1863, vier Monate nachdem in der grausamsten und längsten Schlacht des amerikanischen Bürgerkrieges in Gettysburg bei Pennsylvania mehr als 50 000 Soldaten gefallen oder verwundet worden waren – eine Frage, die im 21. Jahrhundert angesichts der schwierigen Vereinbarkeit von nationaler Souveränität und Integration in eine größere Gemeinschaft ebenso brisant ist.

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Karl Markovics

Staatsmännisch trägt Karl Markovics die Worte drei großer amerikanischer Persönlichkeiten vor. Für an Originaltexte gewohnte Ohren klingen die Reden auf Deutsch ungewohnt, aber Markovics zieht mit seiner Gestik, seinem Pathos und der glasklaren Stimmen unweigerlich in seinen Bann. Der Höhepunkt ist Martin Luther Kings Rede I have a dream, in der er am 28. August 1963 am Fuß des Lincoln Memorials in Washington D.C. seinen Traum von der Gleichberechtigung und Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und Weißen in einer von Markovics großartig nachvollzogenden Weise atemlos und mitreißend artikulierte und die Herzen vieler Amerikaner höher schlagen ließ. Diese Wirkung entfalten die geschichtsträchtigen Worten noch immer.
Mit Barack Obamas Rede vom 12. Jänner 2016, einem Résumé seiner Amtszeit und Ausblick in die Zukunft, kommt der Abend in der Gegenwart an und stehen die Bedrohung durch Terror und die Frage, wie Politik das Positive der Menschen spiegeln kann, im Raum. Für das genussvolle musikalische Finale sorgt vienna clarinet connection mit Henry Mancinis aus dem Film Frühstück für Tiffany bekannten Moon River.
Beide Stürme – jener über Graz und jener von Musik und Wort – verklingen. Während die nassen Straßen schnell trocknen werden, wird dieser erhebende Konzertabend aber noch länger in Erinnerung bleiben.

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