Vertonte Wortwolken für Freiheit

Am Samstag ging es bei der styriarte (siehe Beitragsbild, (c) styriarte 2016) um die Freiheit, die Amerika 1776 proklamierte und sich damit nicht nur von England löste, sondern auch die Französische Revolution auslöste. Der Abend war unter dem Titel “I have a dream” organisiert. Dieser war in mehrfacher Hinsicht programmatisch.

Verbunden wurden politische Reden mit musikalischen Werken und Gedichten von Walt Whitman. Die Dramaturgie sollte das Statement unterstreichen, dass amerikanische Denker wichtige Kapitel der Weltgeschichte schreiben und schrieben. Vorgetragen wurden die Reden stimm- und wirkgewaltig von einem sich selbst übertreffenden Karl Markovics. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit George Gershwins Rhapsody in Blue in einer Bearbeitung von Wolfgang Kornberger und dem vienna clarinet connection-Quartett. Gershwins Versuch konzertante Sinfonik mit Jazzelementen zu komponieren ist spätestens seit Woody Allens Manhattan weltberühmt und als Metapher für die amerikanische Großstadt ebenso interpretierbar wie sie für den Amerikanischen Traum als Ganzes stehen kann. Letzterer in mächtige Worte verpackt stellt die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika dar.  Markovics volle Stimme und sein inbrünstiger, ja leidenschaftlicher Vortrag vermittelte jene Entschiedenheit, mit der der Bruch mit dem Festland gefordert wird. Darum geht es aber nur sekundär. Primär stehen die Grundwerte des neugegründeten Staates im Fokus: Gleichheit und Freiheit.

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Karl Markovics 2010 (c) commons.wikimedia.org

“Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit”, heißt es da. Dass der Text auf Deutsch präsentiert wurde, bewirkte, dass jeder Zuhörer im Saal spürte, wie sehr und wie wichtig diese Botschaft ist. Einem Schauer der Ehrfurcht vor einem solch starken Text, die Wirkmächtigkeit einfacher Worte, konnte man sich kaum erwehren. Dafür steht Amerika. Das Amerika seiner Gründerväter. Ein freies Land, das jeden Menschen gleich behandelt und den einen Nachbarn mit denselben Rechten ausstattet wie den anderen. Gleiches Recht für alle und somit auch gleiche Voraussetzungen für unbegrenzte Möglichkeiten. Der amerikanische Traum, der für jeden einzelnen realisierbar scheint. Schien. Denn die Dramaturgie des styriarte-Abends meinte es zwar gut, der traurigen Realität vermochte sie jedoch auch nichts entgegenstellen oder wollte es nicht. Von der Unabhängigkeitserklärung führte die dramaturgische Klangreise zu Ralph Vaughan Williams, der drei Gedichte von Walt Whitman vertonte. Vor allem “Joy, shipmate, joy!” drückte dabei die anfängliche Euphorie der Amerikaner aus, einer hoffnungsvollen Zukunft entgegenzuschippern. Abraham Lincoln musste in seiner “Gettysburg Address” 1863 erstmals eingestehen, dass vom ursprünglichen Gedanken, dass alle Menschen gleich sind, nicht viel geblieben ist. Denn in der verheerenden Schlacht um Gettysburg im amerikanischen Bürgerkrieg, der rund 50.000 Soldaten ihr Leben ließen, waren beide Parteien keinesfalls gleich. Die Erde vor Ort ist seither ein Friedhof, geweiht nicht durch Gott, sondern durch jene Gefallenen – wie Lincoln treffend formulierte. Seine nur zwei Minuten dauernde Rede ging in die Geschichte ein und war als “Wiedergeburt der Freiheit” intendiert, was paradox im Vergleich zu heute erscheint. Der Slogan “durch das Volk und für das Volk” wirkt damals wie heute und ist bis zu den jüngsten Ereignissen Grund und Anlass für die zahlreichen an verschiedenen Fronten geführten Kämpfe für gleiche Rechte. Markovics Stimme überschlug sich fast, als er sie den großartigen Worten Lincolns lieh, ja erschütterte den Saal wie der Donner den Himmel über Graz. Passend dazu erklangen weitere Whitman-Texte vertont von Kurt Weill und den Musikern der vienna clarinet connection. “Beat! Beat! Drums!” oder Donner, Stimme, Ton jeder Art.

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(c) wikipedia.org

Martin Luther King (Bild) ließ in einem ebensolchen Kampf um Gleichberechtigung (der Schwarzen) bekanntlich auch sein Leben. Seine Worte aber überdauern – seine legendäre Rede “I have a dream” ist nicht nur titelgebend für den styriarte-Abend, vielmehr mobilisiert sie die Freiheits- und Gleichheitsbewegung bis heute vielerorts. Er feiert seine Zuhörer als “Veteranen schöpferischen Leids” und erzählt seinen Traum von einer veränderten Situation in die wahrscheinlich packendste Freiheitsrede überhaupt. Dieser Traum ist im amerikanischen Traum verwurzelt, aber noch immer nicht verwirklicht. Er glaubte, dass dies eines Tages geschähe. Das war 1963! Ähnliche Reden erklangen diese Woche in Amerika.

Überleitung zu Obamas Antrittsrede zur Präsidentschaft “Hello Chicago”, von welcher man sich diesmal wirklich viel erhoffte, bildete Igor Strawinskis “Elegy for JFK” und Elliott Carters “Canonic Suite for four Clarinets”. Hier zeigten die vier Klarinettisten einmal mehr ihr Können und verliehen dem Gehörten dramatische Tiefe durch vielschichtige Klänge.

In der deutschen Übersetzung vorgetragen, verblasst die Kraft der “Ja, wir schaffen das”-Sager der “Yes we can”-Rede und passt damit umso besser zur Abschiedsrede, in der er eingesteht alles versucht, aber (bei weitem) nicht alles geschafft zu haben. Der Tennessee Waltz von Pee Wee King und Redd Stewart fügt sich ebenso ins Bild wie der Moon River von Henry Mancini als Abschluss dieses wort-, ton- und inhaltlich gewaltigen Abends, der niemanden nicht betroffen in die Nacht entließ.

 

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