Plädoyer an die Kunst als Hommage

Beethoven für Harnoncourt gelesen von Hader bei der styriarte am 15. 07.

Eine Hommage an den legendären Dirigenten “seiner” styriarte bereitete sie ihm heuer im Rahmen der alljährlichen Beethoven.SOAP. Die Zuhörer auf den vollbesetzten Publikumsreihen in der Helmut-List-Halle applaudierten an diesem Abend nicht nur für die Musiker und deren Interpretationen Beethovens zeitloser Klassiker, sondern außerdem für den im März verstorbenen Nikolaus Harnoncourt. Spürbar anwesend im Saal war er durch ausgewählte Interview- und Redeausschnitte, gelesen vom überaus passend dafür engagierten Josef Hader.

Der Schauspieler, der für seine Rolle des Simon Brenner in Wolf Haas Romanverfilmungen bekannt ist oder als “Aufschneider” neben Manuel Rubey zu sehen und vom österreichischen Filmgeschäft nicht mehr wegzudenken wäre, stierte zuletzt als melancholischer Stefan Zweig von den Kinoleinwänden.

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Josef Hader (2009) (c) wikimedia.org

“Wie könnte man besser an Nikolaus Harnoncourt erinnern als durch seine Reden und Interviews? Wer könnte Harnoncourts Gedanken über Musik besser vortragen als Josef Hader?” fragte schon die styriarte-Interndanz im Vorfeld und sie sollte mit ihrer Auswahl ins Schwarze treffen: Hader verlieh Harnoncourts Worten nochmal eine Stimme, seine Stimme, die es versteht dessen beißend-trockenen Humor authentisch nachzuahmen.

Dass Nikolaus Harnoncourt ein leidenschaftlicher Dirigent war, ist bekannt, seine kulturphilosophischen Neigungen spiegeln sich in den auswählten Interviews wider. Er plädiert stets für eine stärkere Gewichtung der Kunst in der öffentlichen Wahrnehmung und vermehrte Förderung. Zu rechtfertigen weiß er die Schwierigkeit der Kunst angemessen zu begegnen durch die Diskrepanz die zwischen “rationalem und Herzensdenken” besteht. Letztere sei jene, der für großartige Kunst gefolgt werden muss. Sie wiederum folgt jedoch keiner Logik, sondern stellt das Gefühl in den Vordergrund.

Das tut man als Zuhörer auch im Konzert. Das Gefühl, das aufkommt, wenn sich der Concentus Musicus zu einer tönenden Einheit verschmilzt und einzelne Instrumente sich zu einer Klangwolke verbinden, die Emotionen auslöst. Das ist Kunst. Im harnoncourt’schen Sinne. Er kritisiert in seinen Reden, dass diese Art des Wahrnehmens zunehmend von einer darwinistischen, jener der Technik und der logischen Vernunft, übertüncht wird. Phantastisches Denken fördere die eigentlich menschlichen Eigenschaften.Für ihn war ein Leben ohne Kunst undenkbar. Für uns sollte es das auch sein.  

Selbiges gilt für die Instrumente, die bloße technische Erfindungen sind, die ohne menschliches Können, stumm bleiben. Die Devise für die Kunst: Gegenwart zu produzieren, im Moment des Spielens und fernab der Pfade der Routine zu wandeln, denn die ist tödlich. In Harnoncourts Worten ausgedrückt: Ganz kurz vor dem Absturz ist es am Schönsten, aber einen Millimeter weiter lauert die Katastrophe.

Das trichterte er seinen Spielern ein. Das verlangte er ihnen ab. Nicht mehr und nicht weniger. Eine ständige Gratwanderung.

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Hammerflügel, bei der styriarte gespielt von Stefan Gottfried (c) wikimedia.org

Eine spürbare Gratwanderung, die die Musiker verinnerlicht haben, das bestätigt sich, wenn man das Konzert erlebt hat. Exakt. Brilliant, aber am Grat.

Vor allem Stefan Gottfrieds Klavierstücke imponierten. Er klimperte auf seinem Brown-Hammerflügel fröhlich dahin, als sei es das leichteste auf der Welt und brachte dabei Wohlklänge hervor, die nicht schöner gespielt sein hätten können.

Die Oboistinnen Heri Choi und Marie Wolf, die beiden Klarinetten gespielt von Rupert Frankhauser und Georg Riedl sowie Alberto Grazzi und Eleanor Froelich an den Fagotten symbiotisierten perfekt mit den beiden Hörnern von Athanasios Ioannou und Aggelos Sioras und dem Kontrabass Andrew Ackermanns. Auf den Punkt machten sie Noten zu Tönen und brillierten vor allem beim Einstieg in die zweite Hälfte, der Harmoniemusik zu Beethovens “Egmont”, op. 84 mit der Overtüre Sostenuto ma non troppo. Allegro, allegro con brio von Friedrich Starke.

Das sei das Wesen der Kunst. Eine zweischneidige, uneindeutige Geschichte, der Zweispalt zwischen Freud und Leid, der Höhenflug und der tiefe Fall. Aus diesen  Ambivalenzen ziehe die Musik ihre Kraft und vor allem Beethoven spielte mit ihnen. Die Wirkmächtigkeit des Klanges entstehe durch seine subversive Aussage, stellt Hader in Harnoncourts Worten fest. Weise und wahre Worte aus dem Mund eines ganz Großen, wiedergegeben von einem ebenso Großen, der sich nach jedem Auftritt bescheiden-demütig von der Bühne stahl. Das Rätsel, das Geschenk der Musik an uns ist seine Sprache des Unsagbaren. Unsagbares muss erlebt werden. Das Erlebnis bot dieser Abend.

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