Jarmuk: Ein Märchen für unsere trostlose Zeit

Außerhalb der Theatersaison findet bis Anfang September die Inszenierung des Flüchtlingsmärchens Jarmuk von Ernst M. Binder im dramagraz statt. Das Stück führt die Zuseher*innen mit einem neuen Narrativ an Flucht und Migration heran.

Jarmuk: Auf rund 2 Quadratkilometer erstreckt sich das Flüchtlingslager im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus. Hauptsächlich wohnen Flüchtlinge aus Palästina in Jarmuk. Bereits seit 1948 siedelten sich dort Menschen wegen der Konflikte zwischen Israel und den Nachbarstaaten an. War Jarmuk früher als Zentrum der palästinensischen Diaspora mit bis zu 160.000 Einwohnern bekannt, kam es 2015 wegen des syrischen Bürgerkrieges in die Schlagzeilen: Nach der Eroberung durch die Terrormiliz Islamischer Staat waren die Bewohner ohne Versorgung im Stadteil eingeschlossen gewesen – Jarmuk wurde ein Ort des Todes.

Jarmuk ist auch der Name der titelgebenden Hauptfigur in Ernst M. Binders Märchen, das am 17. August 2016 im dramagraz uraufgeführt wurde. Jarmuk, der seine Eltern nie kennengelernt hat – sein Vater ist auf der Flucht aus Palästina, seine Mutter bei seiner Geburt gestorben – ist in der Flüchtlingsstadt geboren und nach ihr benannt worden. Von dort ist der Jugendliche nach Österreich geflohen, wo er Selina, einer Österreicherin aus „gutbürgerlichem Hause“ – wie es in der Stückbeschreibung treffend heißt – begegnet.

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Selina (Lucia Neuhold) und Jarmuk (Lukas Walcher) (c) dramagraz 2016

Von Selina wird er zunächst fälschlicherweise für einen syrischen Flüchtling gehalten, dem die enthusiastische Schülerin helfen will. Sie nimmt ihn mit nach Hause, versteckt ihn in ihrem Kleiderschrank vor ihren Eltern, redet auf Englisch mit ihm und kauft sich sogar ein Arabisch-Wörterbuch für die bessere Verständigung. Bis sie feststellt, dass Jarmuk perfekt Deutsch spricht, kein Syrer, sondern Palästinenser ist und seine Familiengeschichte enger an Österreich geknüpft ist als sie gedacht hätte.

Vom Nebeneinander zum Miteinander
Deutlich wird der Kontrast der Welten von Selina und Jarmuk in ihren Monologen am Anfang des Stückes. Obwohl die beiden Jugendlichen ein ähnliches Alter haben, weisen ihre Lebensläufe gänzlich andere Erfahrungswelten auf. Selina schreibt zu Beginn des Stückes gerade einen Schulaufsatz und zählt auf, was sie alles nicht werden will. Währenddessen ist Jarmuks Lebensgeschichte gekennzeichnet von der Brutalität im Überlebenskampf, dem Verlust von Freunden und dem frühen Erkennen, dass er auf sich allein gestellt wird.
Dennoch entfaltet sich zwischen den beiden eine zarte Liebe als Hoffnungsschimmer in einer trostlosen Welt. Dadurch nähern sich ihre unterschiedlichen Welten im Verlauf des Stückes deutlich aneinander an – aus den nebeneinander stehenden Monologen der beiden am Beginn des Stückes entwickelt sich ein Dialog miteinander.

Soundtrack zum Stück
Das Stück spielt zu einem großen Teil in Selinas Kinderzimmer, weswegen die Kulisse, die von Vibeke Andersen gestaltet wurde, ein einziger großer Kleiderschrank ist. Im Kopf bleibt den Zuseher*innen nicht nur die Handlung hängen, sondern auch der gut ausgewählte Sound zum Stück, vor allem PJ Harveys „The Community of Hope“. Aber auch das grandiose Spiel der beiden Schauspieler*innen Lucia Neuhold und Lukas Walcher bleibt in Erinnerung, die die Rollen von Jarmuk und Selina für die Zuseher*innen mit Leben füllen.

Neue Diskursräume
„Wir dürfen es nicht der FPÖ überlassen, Flüchtlingsmärchen zu erzählen“, setzt Ernst M. Binder dem Stück voran. Jarmuk bietet eine Möglichkeit auf eine andere Perspektive auf Flucht und Migration, Hintergründe werden beleuchtet, Handlungen von Personen nachvollziehbarer.

Nicht nur durch das Stück, das noch bis zum 8. September um 20:30 Uhr im dramagraz gespielt wird, wird der Diskurs um Flucht und Migration neu aufgeworfen, sondern auch im Anschluss an das Stück eröffnen sich neue Perspektiven: Dienstags ist nach der Vorstellung um 22 Uhr noch zweimal eine Diskussion zum Thema Migration: am 30. August (mit Robert Reithofer, Geschäftsführer ISOP – Innovative Sozialprojekte) und am 6. September (mit Heidrun Primas, Leiterin des Forum Stadtpark).

Trailer zum Stück:

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