Rosegger ragt nach rechts und eine Stadt steht Kopf

Die Inszenierung von Nina Gühlstorff am Grazer Schauspielhaus macht Thomas Arzts neues Stück Die Neigung des Peter Rosegger zu einer Komödie, die es nicht sein sollte. Wichtige Fragen werden nur oberflächlich berührt.

Hätte Thomas Arzt eine Komödie geschrieben, wäre die Inszenierung ein Erfolg – hat er aber nicht. Für dieses Genre ist der Stoff viel zu brisant, handelt es sich doch um einen Konflikt im Kleinen, der sich aufs Große projizieren lässt, auf die politische Lage in Europa. Die Grundfrage lautet: Was ist es wert, bewahrt zu werden? Wie viel Beharren auf einem idyllischen Bild des Heimatlandes und seiner Bevölkerung ist legitim, um sich in unsicheren Zeiten zu Hause zu fühlen, und wo liegt die Grenze zum Nationalismus, zu Isolierungstendenzen?
Die Debatte entzündet sich an der Persönlichkeit des Autors Peter Rosegger, der in seinem Werk das Leben der österreichischen Bauern idealisierte und ein heimeliges Bild von Geborgenheit und Tradition geschaffen hat, an dem mitunter heute noch festgehalten wird. Diese Idylle ist gleichsam der Lebensinhalt des Bauunternehmers Paul Wiesinger (Florian Köhler), der bereits von seinem Großvater angehalten wurde, Rosegger zu lesen. Seines Zeichens SS-Mann liegt dieser – mit ausgetrecktem Arm – unter der Rosegger-Statue in der steirischen Provinzstadt begraben, die Wiesinger als sein Lebenswerk betrachtet, in das er viel investiert hat, vor allem, um zu garantieren, dass sich nichts verändert und dass Rosegger stets gehuldigt wird. Kein leichtes Unterfangen, denn „es gehen unschöne Dinge vor“, warnt Wiesinger. Er sorgt sich um das Stadtbild, dessen Vertrautheit jüngst durch Flüchtlinge getrübt wird. Für die Angestellte Elfriede (Susanne Konstanze Weber) sind die Flüchtlinge sowieso an allem Schuld. Nun scheint die Mühe endlich belohnt zu werden, denn der Empfang einer UNESCO-Delegation steht bevor. Die Altstadt soll zum Weltkulturerbe werden.

rosegger-ensemble-c-lupi-spuma_hp2_022-1-1030x686

Foto: Lupi Spuma

Rosegger kippt nach rechts

Ausgerechnet der vielgeliebte Dichter bringt wenige Tage vor der penibel geplanten Zeremonie alles durcheinander. Nach einem Erdbeben steht die Statue plötzlich schief. „Das kulturelle Erbe hängt gerade ein bisserl nach rechts“, konstatiert die Bürgermeisterin (Evamaria Salcher) vielsagend. Mit dem Monument gerät die ganze Stadt in Schieflage. Wiesinger ist außer sich – patzig, herrisch und fast durchwegs schreiend wütet er tagelang, um die Absage des UNESCO-Empfangs zu verhindern. Mit brauner (!) Hose und grünem Sakko ist er selbst ein Abbild der Alm, auf die er sich gerne zur Muße zurückzieht, um pathetisch Rosegger zu rezitieren.
Die Bürgermeisterin jedoch, stets mit Aktenmappe ausgestattet und um Korrektheit bemüht (nicht ohne das Publikum erkennen zu lassen, dass sie Probleme mit der Work-Life-Balance hat), möchte eine flächendeckende Gefahrenbestimmung durchführen lassen. Der zu diesem Zweck in die Provinz beorderte Seismologe Heim (Franz Xaver Zach) schwafelt von einer „Unschärferelation innerhalb eines marginal globalen Gefüges“ und nimmt eine längere Untersuchung in Angriff. Wiesinger setzt alles daran, diese zu beenden, um die Vorbereitungen für den UNESCO-Empfang abschließen zu können.

Übertriebene Darbietung

Durch die Inszenierung wird die Geschichte mitsamt den Personen ins Lächerliche gezogen. Das bewirkt zwar, dass der Abend zum Teil unterhaltsam ist, aber das Problem ist eben, dass das Stück eigentlich nicht zum Lachen ist, sind wir in Europa aktuell doch genau mit dieser Situation konfrontiert: Von Statuen in Schieflage ist zwar nichts bekannt, von Staaten in Schieflage aber sehr wohl. Der Osten Europas neigt sich nach rechts und droht die Mitte mitzuziehen. Nationalismus und Abgrenzung werden wieder salonfähig.
Peter Rosegger wirkte vor der Zeit des Nationalsozialismus, aber deutsch-nationales Gedankengut war längst vorhanden und ist es heute immer noch.
Die übertriebene Darbietung drängt die Relevanz des Themas in den Hintergrund. Die Personen sprechen einen gestelzten, überspitzen Dialekt und wirken (nicht nur) in den musikalischen Einlagen als quietschvergnügter Heimatchor unbeholfen. Mit Blasmusik und Hirsch samt Alpenpanorama wird das Volkstümliche lächerlich gemacht und mit Discosound gewaltsam ins Moderne gezerrt. Der rot-weiß-roten Luftballons hätte es nicht bedurft, um zu verstehen, dass es um Patriotismus geht – das Absperrband, mit dem der geneigte Rosegger bezeichnenderweise eingezäunt wird, ist deutlich genug.
Nur angedeutet wird auch die Polarisierung zwischen Wiesinger und der Bürgermeisterin: auf der einen Seite der an einem Wunschbild festhaltende Musterbürger, dessen Blick nicht über die Stadtgrenzen hinausreichen und der selbige am liebsten mit einem Grenzzaun versehen würde, auf der anderen Seite die Realistin, die eingesteht, dass Politik „die harte, frustrierende Arbeit an der Wirklichkeit ist“ und die sich um Öffnung bemüht.

Archivarin als Lichtblick

Eine Person hebt sich von der Farce ab: Die junge Frau Trost, nuanciert gespielt von Henriette Blumenau, die aus der großen in die kleine Stadt gekommen ist, um hier das Literaturarchiv zu betreuen. Zunächst scheint sie ähnlich versessen auf Rosegger wie Wiesinger, aber sie ist zu einer differenzierten Betrachtung fähig und bringt ihn dazu, seine Sichtweise zu hinterfragen. War Rosegger ein Nazi? Ist er selbst ein schlechter Mensch, weil er ihn verehrt und eine gewisse Gesinnung hat? Die sich anbahnende zarte Annäherung zwischen den beiden Charakteren wird zunichtegemacht, indem gleich die Hüllen fallen und alles in Peinlichkeit endet.
Die Stimmung in der Kleinstadt heizt sich immer mehr auf. Nur der Arbeiter Matthias Holzer (Nico Wiesinger) bleibt immer noch ziemlich cool – eine angenehme Konstante die ganze Aufführung hindurch. Wiesinger greift schließlich zur Waffe. Die Bürgermeisterin auch: „Wir haben hier alle Waffen.“ Zum Duell artet die Situation zwar nicht aus, aber das Gepirsche und gegenseitige Taxieren, das Aufwiegeln und Kalmieren zieht sich in die Länge. Der Wunsch nach einem klaren Ende wächst, aber klar scheint letztendlich nur, dass die UNESCO  nicht kommt. Anstatt des Weltkulturerbes gibt es ein neues Seniorenheim. Wie es mit dem zerrütteten Wiesinger weitergeht, ist ungewiss.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s