Himmelskuh und Waldkuh, Protestkunst und Pauschalurlaub

Die Komödie Yellow Line von Charlotte Roos und Juli Zeh führt im Grazer Schauspielhaus vor Augen, in wie vielen Lebensbereichen wir indirekt bevormundet werden und stellt die Frage, ob uns das letztlich nicht das Leben erleichtert.

Wenn eine Kuh vom Himmel fällt, ein Flüchtling keinesfalls ein Asylverfahren will und ein Protestkünstler die Angepasstheit personifiziert, fühlt man sich in eine verkehrte Welt versetzt. Diese wird vom dynamischen, höchst wandlungsfähigen Ensemble unter der Regie von Jan Stephan Schmieding mit Leben erfüllt.
Auslöser, roter Faden und Lösung der Geschichte ist eine Kuh, aber keine solche, die friedlich weidet, sondern eine, die über dem Mittelmeer vom Himmel auf das Boot des lybischen Fischers Asch-Schamich (Simon Käser) fällt und ihn unfreiwillig in Europa stranden lässt.
Wer bisher die Vorstellung hatte, es sei schwierig, ein Asylverfahren zu bekommen, bekommt hier das Gegenteil vorgeführt. Käser, ganz in rosa gekleidet, mit buschigem Schnurrbart, der zu einem Seemann passt, palavert ohne Unterlass in seiner Sprache, simultan übersetzt von der adretten Vera Bommer, die als Dolmetscherin die besondere Fähigkeit hat, oft schon vor dem Fischer zu wissen, was dieser sagen will. Die vier Schauspieler schlüpfen in viele verschiedene Rollen und brillieren dabei ohne Einschränkung. Käser ist nicht nur der unfreiwillige Flüchtling, sondern unter anderem auch ein Schlagstock schwingender Sicherheitsbeamter am Flughafen und der Gott des Wellnesstempels, wo Paul (Nico Link) sich von den Strapazen des Alltags erholt und Bommer als Kleopatra mit Turban und Sonnenbrille der Muße frönt.
Ein Leben als Protestkünstler, der gleichzeitig stets versucht, angepasst zu sein und alle Regeln einzuhalten, muss wahrlich anstrengend sein. Zumal Pauls Partnerin, die Webdesignerin Helene (Anne Weinknecht), sich dem Widerstand gegen geregelte Abläufe verschrieben hat und damit nicht nur den All-Inclusive-Urlaub, den sie als „Abrichtung, Gehirnwäsche, Vollnarkose“ empfindet, sondern auch beinahe die Beziehung zerstört. Dass Paul sich selbst bei einer Auktion versteigert hat, um den Erlös für die Befreiung Aleppos einzusetzen, verzeiht sie ihm nicht. Sie ist gelb gekleidet (Kostüme: Anne-Sophie Raemy), eine Signalfarbe, der sie mit ihrem von Stimmungsschwankungen geprägten Verhalten mehr als gerecht wird. Link und Weinknecht sind das zweite Tandem der Besetzung, ebenso fulminant wie Käser und Bommer.

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Foto: Lupi Spuma

Überschreitung der gelben Linie

Die gelbe Linie zur Abgrenzung des Sicherheitsbereichs will Helene nicht akzeptieren, das auftauchende Sicherheitspersonal (Bommer herrlich penetrant mit Megafon und Käser stets zum Angriff bereit) bringt sie auf die Palme. Ein Tohuwabohu mit Gebrüll, Schlägen und Gewusel entsteht, das den armen Paul fast den letzten Nerv kostet.
Auf den ersten Blick scheint das Stück das reinste Chaos zu sein, aber es gibt durchaus ein Konzept. Drei Elemente stören die öffentliche Ordnung: die vom Himmel fallende Kuh, der lybische Fischer und die rebellierende Helene. Die Handlungsstränge werden zerstückelt und als Collage temporeich zusammengesetzt, bis am Ende alles wieder seine Ordnung hat und sogar der mysteriöse Fall der Himmelskuh aufgeklärt ist.
Dieser hängt sehr eng zusammen mit dem Fall der ausgebüchsten Waldkuh Yvonne. Radiomeldungen über ihr Schicksal konkurrieren mit jenen über die Geschehnisse in Nordafrika. Überhaupt spielen Kühe eine zentrale Rolle in Yellow Line. Mitunter fühlt man sich in ein Seminar zur optimalen Kuhhaltung mittels eines „Herdenmanagementsystems“ versetzt. Die Menschen auf der Bühne mutieren langsam zu Kühen, zu einer Bedürnisgemeinschaft, die von außen so gesteuert ist, dass kein Tier (oder Mensch?) daran denkt, die gelbe Linie zu überschreiten. „Wir trotten brav die gelben Linien entlang“, beschwert sich Helene in einer ihrer Schimpftiraden auf die öffentliche Ordnung. Sie verlangt nichts anderes als Freiheit, aber setzt Freiheit nicht ein gewisses Maß an Ordnung voraus, damit sie verwirklicht werden kann? Müssen wir manche gelben Linien akzeptieren? Ist es nicht auch eine Erleichterung, wenn manche Entscheidungen nicht gefällt werden müssen, weil sie vorgegeben sind? Ein bisschen Verantwortung delegieren, ein bisschen Ruhe haben – das will Paul. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Stück, einmal auf dieser, einmal auf jener Seite der gelben Linie, äußerst originell und amüsant. Welche die richtige Seite ist, muss schließlich jede und jeder für sich entscheiden.

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