Eine Ode an die Hässlichkeit und ein bisschen Glitzer

Wenn ein Stück von der Liebe handelt, dann drehen sich die Erwartungen um eine wie auch immer geartete Form der Romantik. Auch der Titel von Julia Gräfners Performance „Ich würde alles für die Liebe tun, ich mach’s aber nicht“, zur Zeit zu sehen im Schauspielhaus, weckt solche Assoziationen. Das Bild einer Frau, die in Slip, Socken und Sonnenbrille provokant unelegant über die Bühne stampft, zwingt das Publikum jedoch schnell zu einem mentalen Neustart. Nicht nur was den bevorstehenden Abend, sondern auch die Erwartungen an die Liebe, die  Frauen oder den eigenen Körper betrifft.

Das Stück ist Teil der Abschlussarbeit von Gräfners Masterstudium an der Berner Hochschule der Künste. 2014 entstand gemeinsam mit Dramaturgin Anne Will und Cora Frost die kraftgeladene One-Woman-Show als freie Interpretation von Meat Loafs „I Would Do Anything For Love“.  Darin lehnt es die von Gräfner gespielte Figur ab, auch nur die kleinste Nuance dessen zu zeigen, was gemeinhin als schön oder gepflegt empfunden wird. Sie hält dem Publikum damit einen Spiegel vor, denn es schockiert, wie streng die eigenen Erwartungen an die Darstellung einer Frau definiert sind und wie einfach sie negiert werden können. Besonders wenn bewusst wird, dass das als primitiv empfundene Verhalten eigentlich nur natürlich ist – aber eben ungeschönt. Sie kratzt sich ungeniert an den Brüsten oder im Schritt, schmiert sich das Gesicht mit Vaseline ein (eine Antithese zu Make-up?) und verzichtet auf alle Verniedlichungsgesten, die man als Teil des Verhaltens einer Frau erwartet. Beine adrett überschlagen, wenn sie dem Publikum im Ledersessel gegenüber sitzt? Hier wird bequem breitbeinig gefläzt.

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Foto: Lupi Spuma

Die Darstellung verliert auch nichts von ihrer Intimität, als sich die Figur ein paar Kleidungsstücke mehr angezogen hat. Trotz fleischfarbenem Rüschenhemd, eine weitere Hommage an Meat Loaf, wird ihre Erscheinung dabei kein bisschen lieblicher. Mit manischen Wutausbrüchen, einer Trance im Glitzerkonfetti und einer tragikomischen Sexszene mit einer Wand zeigt Gräfner während ihrer Performance eine Bandreite an Emotionen, die trotz anfänglicher Skepsis oder Belustigung fasziniert und mitreißt. Sie weigert sich mit ihrer Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit, männlichem und weiblichem Gestus sowie abwechselnd euphorischer, schwermütiger oder unbeherrschter Stimmung, in eine Schublade gesteckt zu werden. Dass die Performance mit einem Happy End schließt, das genauso überraschend inszeniert ist wie der Rest der Darstellung, ist dann doch noch ein kleines Zugeständnis an die Romantik. Im anschließenden Gespräch, bei dem Julia Gräfner dem Publikum die Möglichkeit gibt, Fragen, Beobachtungen oder sonstige Ergüsse zum Gesehenen loszuwerden, zeigt sich, wie viele persönlich von der Darstellung berührt sind und die Thematik auf ihre Lebenssituation übertragen können.

Damit ist „Ich würde alles für die Liebe tun, ich mach’s aber nicht“ eine Performance, die durch die mutige, kraftvolle, körperliche Darbietung von Julia Gräfner begeistert, aber auch zum Reflektieren über das eigene Konzept von Liebe, über Vorstellungen vom idealen Körper und Erwartungen an das Frauenbild anregt.

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