Geschichten über Flucht, Heimat und Europa

Die österreichische Erstaufführung von Milo Raus Empire im Rahmen des steirischen herbstes macht das Schauspielhaus zur Bühne für vier beeindruckende Lebensgeschichten.

„Der Schauspieler ist ein Erzähler“, sagt Akillas Karazissis. Auf die vier Schauspieler von Empire trifft das in besonderer Weise zu, denn sie erzählen ihre eigenen Geschichten. Das sei eigentlich genau wie alle anderen Rollen – nur schwieriger, ergänzt Akillas. Schwieriger wohl deshalb, weil es aufwühlende, belastende Geschichten sind. Oft ist es sekundenlang still, bevor eine der vier Stimmen wieder den Saal erfüllt, bevor wieder genug Kraft da ist, um weiterzusprechen.
Empire bildet den Abschluss der Europa-Trilogie des Theater- und Filmregisseurs Milo Rau und wird am letzten Wochenende des steirischen herbstes zwei Mal im Schauspielhaus aufgeführt. Eine Verlängerung über das Kunstfestival hinaus wäre wünschenswert, denn diese großartige Produktion des IIPM (International Institute of Political Murder) sollten so viele Menschen wie möglich sehen. Der alltägliche, beschleunigte Medienkonsum bietet kaum die Möglichkeit, sich zwei Stunden lang intensiv mit Themen auseinanderzusetzen, die Europa seit langer Zeit prägen, seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise aber aktueller denn je sind: Flucht, Heimat und die Zukunft Europas.

Syrien, Griechenland, Rumänien

In einer winzigen, etwas schmuddligen, aber gemütlichen Wohnküche, die gleichzeitig als Schlafzimmer fungiert, finden sich die vier Schauspieler zusammen und erzählen ihre Geschichten. Die fünf Teile entsprechen den Lebensabschnitten der Darsteller: „Abstammungslehre“, „Exile“, „Ballade des gewöhnlichen Menschen“, „Über das Trauern“ und „Heimkehr“. Gemeinsam ist ihnen eine von Gewalt geprägte Kindheit, die Befreiung von anerzogenen Meinungen, die Erfahrung von Verlust und die Hinwendung zur Schauspielerei.
Ramo Ali ist syrischer Kurde und vor dem Krieg aus Quamishli geflüchtet. Vor kurzem hat er seine Heimatstadt wieder besucht. Er erinnert sich an die hässliche Stimme des Imams in seiner Kindheit, an die mindestens 15 Kilo Kartoffeln, die seine Mutter täglich kochte, und vor allem an Schläge, die ihn hart machen sollten. „Ich bin stark geworden“, konstatiert er.
Die Eltern der Jüdin Maia Morgenstern, aufgewachsen im kommunistischen, antisemitischen Rumänien unter Nicolae Ceausescu waren Kommunisten. Als die Tochter eines Tages auf die Straße geht und „Nieder mit Ceausescu!“ ruft, verfällt der Vater in Schweigen. Später spielt sie die Maria in der Passion Christi und ist heute Direktorin des Jüdischen Theaters in Bukarest.
Akillas Karazissis, dessen Familie sich nach einer Flucht quer über den asiatischen Kontinent in Griechenland niederließ, wächst hingegen in einer antikommunistischen Umgebung auf, verspürt aber dennoch eine gewisse Faszination für alles Sowjetische.
Rami Khalafs Vater diente 30 Jahre in der syrischen Armee, bevor er in der Rente einen Laden eröffnete, der den Kindern viele Kekse und Cola bescherte. Bananen konnte sich kaum jemand leisten, erinnert sich Rami, und ist froh, dass sein Vater, der 2010 starb, die syrische Revolution nicht mehr erlebte, weil er wahrscheinlich auf der Seite des Regimes gestanden wäre.

Empire - Third Part of Europe Trilogy by Milo Rau / IIPM

Foto: Marc Stephen

Wer bin ich?

Nach einem kurdischen Theaterfestival verbringt Ramo fast drei Monate in einer dunklen Gefängniszelle und beschäftigt sich dort zum ersten Mal mit Fragen, die gleichzeitig Leitmotive von Empire sind: „Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehöre ich?“ Nach zahlreichen Verhören wird er freigelassen und flüchtet nach Europa. Das tut auch Rami, nachdem er während der syrischen Revolution an einer Straßensperre angehalten wurde, weil er an einer Demo teilgenommen hat. Er kommt zuerst nach Schweden und beginnt dann ein neues Leben in Frankreich.
Zur Schauspielerei findet Akillas als Geschichte- und Politikstudent in Heidelberg eher zufällig, weil er sich wegen seines Aussehens als idealer Darsteller verschiedenster „Ausländer“ erweist. Maia besucht eine Schauspielschule, spielt griechische Ikonen ebenso wie die in Auschwitz verbrannte Edith Stein und deckt im Zuge der Dreharbeiten die Geschichte ihrer Familie auf.
Erzählt wird in arabischer, kurdischer, griechischer und rumänischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Die Schauspieler werden gefilmt und ihre Gesichter live auf einer Leinwand gezeigt. Sie zeugen von Erfahrungen, die wohl niemand sonst, der an diesem Abend im Schauspielhaus sitzt, gemacht hat, spiegeln Schmerz, aber auch Liebe und blicken das Publikum manchmal einfach nur schweigend an. Die Sprachen, das Video und die Musik von Eleni Karaindrou machen Empire zu einem besonders intensiven Erlebnis. Es ist unmöglich, sich diesen Geschichten zu entziehen, aber auch unmöglich, sie gänzlich zu erfassen.
Trotz allen Schreckens haben die vier Schauspieler ihren Humor nicht verloren. Mit Anekdoten lockern sie die angespannte Stimmung immer wieder auf. Ramo erzählt, wie er zum Entsetzen seines Lehrers als Kind Gefallen an der Jungfrau Maria fand, die er in Gestalt einer kleinen Statue aus dem Garten seiner Nachbarin entwendete und noch heute als Amulett um den Hals trägt. Die Entdeckung einer anderen Religion veranlasste ihn, die ihm bisher gleichsam eingetrichterte zu hinterfragen. Alle vier haben sie hinterfragt, kritisiert und für sich entschieden, ein anderes Leben zu führen, sich der Kunst zu widmen. Der Preis war durchwegs hoch. „Das ist unsere Freiheit: die Einsamkeit“, sagt Maia.
Der Applaus hält lange an, und die gehörten Geschichten werden wohl nicht im Schauspielhaus bleiben, sondern in den Köpfen der Zuhörer mitgenommen und vielleicht auch weitererzählt werden, denn sie lassen nicht los und rufen vor allem eines hervor: Bewunderung.

 

 

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