Ins Netz gegangen

Die Wiederaufnahme der Rekonstruktion von Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott ist derzeit im Schauspielhaus in Graz zu sehen. In Begleitung seiner Wandlungsfähigkeit steht Matthias Ohner auf der Bühne und beweist, dass Multitasking nicht nur Frauen können.

Das Schleichen des nationalsozialistischen Denkens in die Köpfe der damaligen Jugend, Gruppenzwang, Zivilcourage, das Umgehen mit Schuld – auf den ersten Blick unterschiedliche Themen, die sich im Laufe der Geschichte Horváths zu einem Ganzen fügen. Erzählt wird diese von Matthias Ohner. Er brilliert mit einer Wandlungsfähigkeit, die ausgeprägter nicht sein könnte. Neben seiner Erzählerfunktion schlüpft er von einer Sekunde auf die nächste problemlos in eine andere Rolle, verändert das Bühnenbild und gibt zwischendurch Anweisungen an die Techniker und das Publikum – eine Leistung, die belohnt wurde. Für seine Rolle in Jugend Ohne Gott wurde er mit dem Sonderpreis beim bestOFFstyria-Festival ausgezeichnet.

Wie ein Raubvogel zieht die Schuld ihre Kreise

„Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul.“ – eine Aussage des Schülers N, welche der Lehrer nicht durchgehen lassen möchte. Mit dieser Verletzung des propagierten nationalsozialistischen Gedankenguts beginnt das Stück – wie auch der Roman. In vielen Szenen wird gezeigt, wie sehr die Art zu Denken mit Gruppenzwang in einer engen Verbindung steht. Auf einer Klassenfahrt kommt es zu einem Streit zwischen den Schülern N und Z. Der Z glaubt nämlich, der N habe sein Tagebuch gelesen. Was der Z nicht weiß, ist, dass eigentlich der Lehrer der Schuldige ist, der die Tatsache jedoch verschweigt. Mit dem scheinbaren Ende des Streits geht ein Leichenfund einher – die Leiche des N. Im Verdacht stehen der Z sowie später auch ein Mädchen, das im Wald lebt und mit dem Z ein Verhältnis anfing. Der Lehrer jedoch hegt einen anderen Verdacht. Dieser richtet sich an den T, der mit seinen stechend blauen Augen an einen Fisch erinnert. Um der Findung der Wahrheit auf die Sprünge zu helfen, sagt er aus, dass nicht der N das Tagebuch gelesen habe, sondern er selbst. Seinem Verdacht geht er weiterhin nach. Am Ende steht ein Mordgeständnis auf einem Zettel, das der T vor seinem Selbstmord geschrieben hat.

jog

Foto: Lupi Spuma

 

Humorvolle Ernsthaftigkeit

Die Inszenierung wird dem Roman in allen Szenen gerecht. Innerhalb einer angenehmen Dauer von 1 ½ Stunden schafft es der Regisseur Ed. Hauswirth, den Inhalt des Romans aufzuarbeiten. Nichts wird vernachlässigt. Jede Szene bekommt ihren Platz in der Inszenierung.
Für Momente des Schmunzelns ist gesorgt. Wer denkt, ein solch ernsthafter Stoff müsse ohne jegliche Spur von Humor behandelt werden, der wird bei dem Besuch des Stücks eines Besseren belehrt. Dabei die Grenze nicht zu überschreiten, ist eine Herausforderung, die mit Bravour bewältigt wird.
Das Publikum wird gekonnt durch die komplexe Geschichte geführt. Multimediale Elemente unterstützen die Vorstellungskraft des Publikums. Musik, Videos und Fotos unterstreichen die Inszenierung. Aktuelle Aufnahmen von Graz erwecken einen neuen Zeitgeist für die Geschichte. Auch der Fisch, der T, bekommt ein Gesicht und starrt mit seinen blauen Augen von einer Leinwand aus das Publikum an.

Sichtlich erfreut ist das Publikum, welches alle Altersklassen vertritt, und belohnt die gelungene Inszenierung mit langanhaltendem Applaus. Der Fisch geht ins Netz, das Publikum ist begeistert.

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