Unter der Hand lässt sich alles regeln – wirklich?

Nikolaj Gogols Komödie Der Revisor zeigt am Grazer Schauspielhaus, wie eine korrupte Stadtgesellschaft durch einen genauso korrupten angeblichen Staatsbeamten auf den Kopf gestellt wird. 

Der Bürgermeister einer russischen Provinzstadt hat Stress. Als er erfährt, dass schon seit zwei Wochen ein Revisor incognito in der Stadt ist, erinnert er sich, welche Kürzungen, Einschränkungen und sonstige Schikanen für die Bevölkerung er in dieser Zeit durchgesetzt hat. Da hat das Stadtoberhaupt plötzlich Feuer unterm Hintern, und dieses breitet sich rasch aus, hat doch nicht nur er Dreck am Stecken, sondern auch die beiden Landwirtschaftsverbandsvorsitzenden Dobtschinski und Bobtschinski genauso. Dann gibt es noch das Flüchtlingsheim, das Oberlandesgericht, den Staatsanwalt, den Stadtschulrat, den Postmeister – kurz, die Stadt steckt tief im Korruptionssumpf. Bisher lebte es sich dort offenbar – zumindest für die Profiteuere am oberen Ende der Hierarchie – ganz gut. Dass nun ein Beamter aus der Hauptstadt, von der freilich jeder provinzieller Größenwahnsinnige träumt, diesen Sumpf trocken legen will, bringt das zweifelhafte, aber immerhin stabile System ins Wanken.
Franz Solar spielt den Bürgermeister mit weißer Föhnfrisur, Hornbrille und einem an Tapete erinnernden Anzug, als durchtriebenen Wicht, der genau weiß, dass er die Missstände in der Stadt nicht so rasch beseitigen kann und will und sich deshalb auf deren Vertuschung verlegt. Mit Unterwürfigkeit und großzügigen Geldgeschenken hofft er, den Reviseur dazu zu bringen, ein Auge zuzudrücken.
Dobtschinski (Julia Gräfner) und Bobtschinski (Benedikt Greiner) erweisen sich dabei als dienstfertige, beflissene Helfer. Sie tänzeln über die Bühne, verstecken sich, lauern und haben stets einige Bündel Geldscheine bei der Hand. Julia Gräfners Schmollen, wenn Bobtschinski Dobtschinski beim eifrigen Lagebericht an den Bürgermeister nicht zu Wort kommen lässt ist ebenso köstlich anzusehen wie ihre unermüdlichen Einsätze als Laufbursche und als Souffleuse für den Bürgermeister.

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Foto: Lupi Spuma

Ganove unter Ganoven

Und der Revisor? Der will weder irgendwelche Sümpfe trocken legen noch den Arm des Gesetzes in die Provinz verlängern, weil er eben davor geflüchtet und nichts anderes als ein Ganove ist, der sich natürlich gerne vom Bürgermeister und seinen Getreuen umschwänzeln und bestechen lässt. Raphael Muff stolziert im hautengen, halb offenen Hemd über die Bühne, ist gefräßig, aber heikel wie der Struwelpeter („Ich esse diese Suppe nicht, nein, diese Suppe ess‘ ich nicht“). Er durchschaut, dass er überlegen ist, häuft immer mehr Geld an und gebärdet sich wie ein Gockelhahn, wenn er den perplexen Provinzlern von seinem glamourösen Leben in der Hauptstadt erzählt. Diese himmeln ihn ebenso an wie sie ihn fürchten. Mit seinem körperbetonten Machogehabe bringt er die Frau des Bürgermeisters um den Verstand. Gleichzeitig verbirgt sich unter dieser Fassade die ständige Furcht, aufzufliegen. Er macht sich aus dem Staub, angeblich nur für eine kurze Reise, um dann zurückzukehren und die marionettenhafte Tochter des Bürgermeisters zu ehelichen, aber dazu kommt es freilich nicht. Als die betrügerische Stadtelite erfährt, dass sie selbst einem Betrug aufgesessen ist, herrscht Sprachlosigkeit, bevor es zum Fiasko kommt.
John von Düffel hat die Komödie aus dem 19. Jahrhundert sanft in die Gegenwart geholt und Anspielungen auf die Flüchtlingspolitik und die Bundespräsidentenwahl eingeflochten sowie Seitenhiebe auf Politiker einer gewissen Couleur eingeflochten. Die Inszenierung von Stephan Rottkamp ist atemlos und zackig, erinnert ein bisschen an Slapstick und wird durch die Musik von Bernhard Neumaier zusätzlich angetrieben. Über weite Strecken ist sie hochamüsant, teilweise aber etwas zu grotesk. Dass der Bürgermeister und sein Gefolge zunehmend den Boden unter den Füßen verliert, zeigt sich an dem sich drehenden Boden, der die Darsteller zwingt, ständig in Bewegung zu sein, was das Zusehen auf Dauer etwas anstrengend macht. Überflüssig und aus dem Konzept gefallen ist die blutige Schlussszene. Die Bühne von Kathrin Frosch, eine weiße Wand mit Blumenrelief, ist die saubere Fassade einer durch und durch korrupten Gesellschaft. Wie oft sie sich auch dreht, sie bleibt immer gleich.
„Ich versteh‘ die Welt nicht mehr!“, spricht der Bürgermeister gegen Ende bekannte Worte. Dabei hat er soeben einen Spiegel vorgehalten bekommen, der zeigt, wie die Welt leider oftmals funktioniert.

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Ein Kommentar zu “Unter der Hand lässt sich alles regeln – wirklich?

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