Korruption, Betrug, Lug und Trug

Der Revisor ist ein 1836 von Nikolai aus reiner Geldnot heraus entstandenes Stück in fünf Aufzügen. Gemäß dem Motto „Not macht erfinderisch“ adaptiert das Schauspielhaus die russische Psychosozialsatire auf österreichische Verhältnisse, wedelt mit dem moralischen Zeigefinger und versucht dabei trotzdem lustig zu sein. Ein Spagat, der nur teilweise glückt.

Zugegeben, an historischen Vorbildern mangelt es nicht: Ein inkognito von der Regierung gesandter Revisor, der in die Provinzstadt kommt, um zu ahnden, was korrupt ist. Das Szenario kommt einem seltsam vertraut vor. Wenn auch die Gründe andere waren, so dürfte auch Kaiser Joseph II so manche Betrügerei mitbekommen haben, als er bestrebt, seine aufklärerischen Ideen umzusetzen, auf Realitätsabgleich durch seine Ländereien streifte.Blöd nur, wenn die Kunde vom Eintreffen des Revisors diesem vorauseilt und das komische Element durch die sich anbahnende Verwechslung entwickelt wird.

Fasst man sich selbst an die Nase (und genau das führt die Inszenierung wie ein Spiegel vor Augen) sollte uns eine Gesellschaft, in der es jeder nur gut meint, doch gerade daher jeder Dreck am Stecken hat, bekannt sein.

Guter Stoff für Gogol und gute Vorlage für eine kritische Zeichnung des Sittenbildes in Österreich für das Schauspielhaus.

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v.l. Benedikt Greiner, Raphael Muff und Franz Solar (c) Lupi Spuma

Der fälschlicherweise für den Revisor gehaltene Kleinkriminelle Chlestakow (Raphael Muff) nutzt die Situation natürlich aus, ganz ohne Scham und selbstverständlich Grenzen missachtend. Während sich der Stadthauptmann (Franz Solar) um die Vertuschung seines Amtsmissbrauchs sorgt und laut über all seine Vergehen nachdenkt, überlegt Chlestakow derweil welche der beiden Frauen er zuerst vernaschen soll: des Stadthauptmanns Tochter oder Ehefrau. Reich beschenkt verlässt der Bösewicht die Stadt, insgeheim wohl auch heilfroh, die hierarchisch wie moralisch verseuchte Groteske verlassen zu können.

Überspitzt zu seinem Höhepunkt gelangt die Inszenierung von Stephan Rottkamp und Jan Stephan Schmieding durch eine an „Das Parfum“ erinnernde Schlussszene, in der die Protagonisten übereinander herfallen und sich blutrünstig massakrieren. Sinngemäß ins Schema passend, irritiert die Szene aber doch sehr, da sie mit dem Rest des Stückes gar keine Identifikation schafft.

Während man also das Bühnenbild loben und die schauspielerische Leistung anerkennen muss, darf aber an der Inszenierung gerüttelt werden. Julia Gräfner brilliert wieder einmal in einer Hosenrolle, Benedikt Greiner unterstützt sie – zusammen verkörpern sie das doppelt-gemoppelte Narrenduo, Franz Solar spielt überragend den Stadthauptmann, Raphael Muff ist excellent schmierig und unsympathischer Wüstling. Die Kostüme sind schillernd und skurril, das Bühnenbild rotiert von Szene zu Szene und das Ganze ist exakt auf die musikalische Untermauerung der Band abgestimmt.

Der ein oder andere Bruch, die sehr abstrus-konfuse Darstellung der Tochter und die schlicht zum Rest des Stückes unpassende Schlussszene machen das Stück so kontrovers wie eigentlich gewollt, aber doch nur scheinbar beabsichtigt geglückt. Bezug zum Jetzt wird hergestellt indem Zeitgenössisches rezitiert wird: Anspielungen an aktuelles politisches Geschehen werden teils wie mit dem Vorschlaghammer und teils weniger forsch, leider nie subtil, in die Menge geklatscht. Der Wahrheit letzter Schluss ist manchmal gar kein Geheimnis – deshalb sind viele Dinge auch Konsens, der nicht mehr unbedingt ausgesprochen werden muss. In diesem Fall wäre weniger mehr gewesen.

Was glückt ist die Darstellung des schönen Scheins und des nichtigen Seins dahinter. Eine uns sehr vertraute Tatsache, die nur allzu gern unter den Tisch gekehrt wird. Aber auch eine unangenehme Wahrheit bleibt eine Wahrheit. Selbst unterm Tisch hat sie noch Gewicht.

 

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