Was aus Verzweiflung entstehen kann

„Sanftwut oder der Ohrenmaschinist“, eine Theatersonate von Gert Jonke, zeigt Ludwig van Beethoven wie er zwischen Wut und Sanftheit mit dem Verlust seiner Hörfähigkeit umgeht. An vier Abenden war die Koproduktion des Theater Kaendaces und des Grazer Schauspielhauses unter der Regie von Klaudia Reichenbacher im HAUS ZWEI zu sehen. Daniel Doujenis gab den launischen Musiker mit facettenreicher Originalität.

Daniel Doujenis als Beethoven ; (c) Klaudia Reichenbacher

Daniel Doujenis als Beethoven ; (c) Klaudia Reichenbacher

Wie verändert sich ein Mensch, wenn er die akustische Verbindung zu seiner Umwelt verliert? Die Kommunikation ist erschwert, das Aufnehmen und Mitteilen wird mühselig, kann nicht mehr ein simultaner Prozess sein. Doch wie geht erst ein Musiker mit dem Wegfall seines wichtigsten Arbeitsinstrumentes um? Dieser schwierigen Frage widmet sich die „Theatersonate“ von Gert Jonke. Der fast völlig ertaubte Beethoven hat sich der Resignation noch nicht hingegeben und versucht mit verschiedensten Methoden und Hörapparaturen seine mit den Ohren wahrnehmbare Verbindung zur Musik nicht zu verlieren. Die in ihm klingende Musik ist sein Antrieb, da sie sich einen Kanal aus ihm heraus sucht. Doch der Weg ist beschwerlich. Der Komponist schwankt immer wieder zwischen Erleuchtung und Verzweiflung, etwa wenn er von „Musik aus Licht“ träumt und ihm dann wieder bewusst wird, dass er sich nicht einmal mehr selbst hören und verstehen kann.
Daniel Doujenis gibt dem exzentrischen Künstler ein menschliches Gesicht, das neben der musikalischen Genialität Beethovens vor allem dessen Schwächen veranschaulicht. Die Derbheit im Umgang mit seinen Mitmenschen wird im Nu zu tobender Raserei, hinter der sich nur seine Hilflosigkeit und sein Unverstandensein zu verstecken scheinen. Gerade komponiert Beethoven an der Sonate für das Hammerklavier op. 106, die der Zugang zu seiner neuen Wahrnehmung von Musik sein soll. Die Musik erklingt immer wieder in Ansätzen, leider aber in sehr schlechter Tonqualität. Zuletzt träumt er davon, das Werk vollkommen lautlos zur Aufführung zu bringen, weil er daran glaubt, die Musik aus seinem Kopf direkt in jene der Zuhörer übertragen zu können.
Jonkes Sprache ist verschachtelt und komplex, aber in sich geschlossen ist. Auch viele philosophische Elemente verarbeitet der Österreicher Schriftsteller in seinem Werk, etwa wenn Beethoven mit seinem Maler (Felix Krauss) über die Frage des Naturrechts diskutiert. Ein komisches Element ist mit den Auftritten von Beethovens selbst ernanntem Sekretär Anton Schindler gegeben. Alexander Mitterer spielt Schindlers eigennützige Aufopferung mit überzeugend fiebriger Nervosität. Die Höhe an Eindringlichkeit im Laufe des Stückes gelingt mit Doujenis in Beethovens Momenten inniger Verlorenheit. Ganz in sich selbst vertieft, in „sanftwütiger Tobsicht“ versucht er sein Innerstes nach Außen zu kehren und erzeugt dabei eine spannungsgeladene und zugleich empfindsame Verbindung zum Zuhörer.

Mehr Informationen zum Stück unter:
http://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/sanftwut-oder-der-ohrenmaschinist

Wer, so wie ich, auf den Klang der Sonate für das Hammerklavier op. 106 neugierig geworden ist, kann ihn etwa hier gespielt von Friedrich Gulda entdecken:

Es ist eine Musik voll Aufbäumungen, Zerschlagenheiten und doch auch unbestreitbarer Seligkeit. Wie kann so viel Zerrissenheit zu einem großen Ganzen werden? Das vermag nur ein Beethoven zu vollbringen.

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