Wer, wenn nicht Julia?

Shakespeares Romeo und Julia am Grazer Schauspielhaus übertrifft sämtliche Erwartungen.

Die berühmteste Liebesgeschichte der Welt vermag noch immer zum Lachen zu bringen und zu Tränen zu rühren – wenn sie so inszeniert wird wie von Lily Sykes und gespielt von einem großartigen Ensemble. Wer, wenn nicht Julia Gräfner sollte die Julia sein? Bereits in der letzten Saison brillierte sie in einem Stück von Shakespeare (und nicht nur) dort: als Caliban im Sturm. Für diese Leistung erhielt sie den Nestroypreis 2016, und sie gilt als großes Nachwuchstalent. Nun also Julia Capulet – und was für eine Julia! Wer ein geziertes, schüchternes Püppchen erwartet hat, wird enttäuscht. Gräfner spielt sie so, wie ein 14-jähriges, unsterblich verliebtes Mädchen eben ist: aus dem Häuschen, rastlos, schwärmend. Vor Sehnsucht und Ungeduld wälzt sie sich am Boden, rauft sich die Haare und zerbricht sich den Kopf, seufzt, kann nicht stillsitzen und vermittelt mit diesem höchst authentischen Verhalten große Gefühle, die wohl jede und jeder im Publikum in der einen oder anderen Form kennt.

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Das berühmteste Liebespaar der Welt (Foto: Lupi Spuma)

Raphael Muff ist ihr ein wundervoller, liebender Romeo. Sie ganz in weiß, er ganz in schwarz – als Zeichen für eine verbotene Liebe zwischen Angehörigen verfeindeter Familien. „Hier dreht sich viel um Hass, doch mehr um Liebe“, sagt er, und es ist herrlich anzusehen, wie die beiden vor Liebe „vergehn“, verlegen an den beiden Rändern des Grabens sitzend, der sie trennt – die Feindschaft ihrer Familien.
Temperamentvoll und energiegeladen sind Benvulio (Nico Link), Mercutio (Henriette Blumenau) und Tybalt (Clemens Maria Riegler), Franz Solar spielt den hartherzigen Graf Capulet. Wie Julias Schutzengel wirkt die Amme, präsent durch sechs Darstellerinnen, die zugleich einen Chor bilden. Wer siegt am Ende? Überdauert die Liebe den Tod? Geht sie in den Tod ein? Der Tod nimmt seine Opfer behutsam, aber bestimmt an der Hand und führt sie fort von ihren Geliebten.
Die Bühne (Jelena Nagorni) ist ganz Shakespeare verpflichtet: kaum Kulissen, aber Tricks wie Falltüren und Hebebühnen, die dem Spiel zusätzliche Dynamik verleihen. Schwarz und weiß, Licht und Dunkelheit sind die wichtigsten und sehr wirkungsvollen Gestaltungsmittel. Außerdem bleibt so genug Raum für den Text, der zu den schönsten der Weltliteratur zählt, und für die Schauspieler, die diese Geschichte in einer Weise präsentieren, die den langen Applaus mehr als verdient hat.

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