Alte neue Liebe: Romeo und Julia

Wenn man nur das Bild der schließenden Szene betrachtet, sieht alles nach einem klassischen Shakespeare-Stück aus: Julia liegt in einem weißen Kleid auf ihrem Romeo, umgeben von Rosenblättern. Auch hier keine Überraschung: beide tot. Was allerdings in den knapp drei Stunden davor passiert, ist eine explosive Komposition aus alt und neu, die trotz des vorhersehbaren Endes jeden Moment des Stückes sehenswert macht.

Romeo und Julia läuft derzeit im Schauspielhaus, Regie führt die Britin Lily Sykes. In den Hauptrollen sind Julia Gräfner und Raphael Muff zu sehen, Henriette Blumenau und Nico Link spielen als Mercutio und Benvolio. Auffallend und für den Zuseher eine Freude ist die unbändige Energie und Spiellust, mit der die Schauspieler den 400 Jahre alten Stoff beleben.

Gleich zu Beginn lässt Mercutio dem Zuseher mit seiner (oder besser ihrer) unbändigen und wilden Performance keine Wahl, als sich mitreißen zu lassen. Dass hier eine Frau den besten Freund Romeos mimt, sorgt für noch mehr spannungsgeladene Momente, wenn sie gemeinsam mit Benvolio als kämpferisches Paar über die Bühne fegt. Mit ihren expressiven Tänzen, Streits und Liebesspielen fesseln die beiden bis auf die letzten Ränge. Daneben überzeugt auch  Oliver Chomik als Graf Paris, der es schafft, mit seinem penetranten Werben um Julias Zuneigung zugleich Ablehnung und Mitleid zu erwecken. Lady Capulet/Lorenzina und Capulet/Lorenzo sind mit Franz Solar und Babett Arens jeweils als Doppelrolle besetzt und brillieren in der Darstellung der gänzlich konträren Parteien – einerseits als oppressive Eltern, die die Heirat mit Paris forcieren, andererseits als Geistliche, die versuchen, die unerlaubte Liebe zwischen Romeo und Julia zu ermöglichen.

In diese Reihe von gelungen inszenierten Figuren reiht sich Romeo nahtlos ein. Zunächst sprunghaft und schnelllebig, vor allem in Bezug auf sein Liebesleben, geht er in der Anbetung der Julia vollends auf. Man nimmt ihm sowohl den egoistischen Junggesellen als auch den leidenden Liebenden ab, der sich für ein paar gestohlene Minuten mit seiner Julia die Nächte um die Ohren schlägt – selbst wenn er dabei einen Jogginganzug trägt.

Sie alle stehen aber immer ein wenig im Schatten der Julia (Gräfner). Sie verleiht mit ihrer natürlichen Komik der wohl tragischsten Liebesgeschichte aller Zeiten genau die Leichtigkeit, die eine dreistündige Shakespeare-Vorführung auch für weniger hartgesottene Fans des Stoffs zum Genuss macht. Sie schafft mit ihrer Darbietung die Balance zwischen der trotzigen Vierzehnjährigen, die nicht bekommt, was sie möchte, und der bedingungslos Liebenden, die sich für Romeo in den Tod begibt. Man kann nicht umhin mit ihr zu leiden, wenn sie sich am Boden oder in der Badewanne wälzt, die übrigens je nach Szene als Bett oder Balkon fungiert.

Romeo, Mercutio und Julia.

Romeo, Mercutio und Julia. Foto: Lupi Spuma

Weniger eindrucksvoll stellt sich die Figur des Tods dar, die während des Spiels der anderen meist anwesend ist und dennoch nie so richtig Präsenz aufbauen kann –so bleibt sie hinter den anderen überragenden Darbietungen zurück. Ähnlich wirkt auch die Darstellung der Amme, die durch  mehrere Personen gespielt wird (Notburga Jaritz, Susanne Koller, Judith Kunath, Lejla Kurtic, Elisabeth Malek, Karolin Türk). Zwar wirkt das Bild von gleich sechs Ammen in Weiß visuell eindrucksvoll, das gemeinsame Sprechen im Chor erscheint jedoch immer leicht gezwungen und bricht den Handlungsfluss.

Die harmonischen Gesänge der Amme sind der Stimmung allerdings sehr zuträglich, die während des gesamten Stückes mit Musik, Licht und Bühnenbild durchdacht inszeniert ist und starke Kontraste vereint. So wird nicht nur Gesungen, sondern beispielsweise bei einer Party der Capulets zu pulsierenden Beats getanzt, während Glitzerkonfetti und Lichtshow für die entsprechenden visuellen Reize sorgen.

Damit ist ein Hauptkonzept der Inszenierung beschrieben: der Kontrast zwischen alt und neu. Er zeigt sich nicht nur in der Musikgestaltung, sondern auch in den Kostümen, der Sprache, dem Wortwitz und der Bühnengestaltung. Selbst in den Todesarten wird keine der beiden Welten vernachlässigt: Während die meisten Figuren zeitgemäß mit der Waffe samt lauten Soundeffekten und Lichtblitzen ins Jenseits befördert werden, darf sich Romeo noch altmodisch mit Gift verabschieden. Von dem er übrigens, zu Julias Ärger, nichts übrig lässt.

Dieser Spagat, der schnell gekünstelt und erzwungen wirken kann, ist hier mehr als gelungen. Romeo und Julia ist ein energiegeladenes Spektakel, das ästhetisch, witzig, tragisch und vor allem fesselnd ist.  Die großartige schauspielerische Leistung wird mit durchdachter Bühnengestaltung, spannenden Kostümen und eindrucksvollen Sound- und Lichteffekten komplementiert.

 

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