Tanzbär mit Asperga und 90-Minuten-Gedicht

Donnerstagabend im Joanneumsviertel. Nein, kein Glühwein am beheizten Standl, sondern einen Stock tiefer in der Landesbibliothek. Nein, nicht lesen. Sondern Dramatik live erleben.

Das ist das Konzept auf das die Theatergruppe t’eig mit ihrer neuesten Produktion setzt: Eine Inszenierung des auf altgriechischer Mythologie basierenden Stoffes „Philoktet“ nach Heiner Müller.

Müller, bekannt für seine provokanten Stücke, deren Inhalt stets grenzüberschreitend zu handeln vermag, verwebt stets politische Ansprüche in geschickten Brüchen zu kunstvollen Zeitdiagnostiken. Dass der Kontext austauschbar ist, zeigt das Heldentheater t’eig, indem es das in der DDR verortete Stück mit „Grab her by the Pussy“ ins Jetzt, in den November 2016 verlegt. Immer wieder beeindruckend abseits des Gezeigten ist das zu wenig beachtete umfangreiche Programmheftchen, das still und heimlich mit der Eintrittskarte ausgehändigt wird. Ein kleiner Auszug – drei Punkte zu Philoktet, die nicht belehren wollen, versteht sich:

  1. Die Handlung ist Modell, nicht Historie
  2. Das Philoktet-Modell wird bestimmt von der Klassenstruktur der abgebildeten Gesellschaft
  3. Der Ablauf ist zwangsläufig nur, wenn das System nicht in Frage gestellt wird

Eine deutlichere Anweisung zu Intention und Lesart des Stückes gibt es fast nicht. Einen passenderen Stoff für unsere Zeit gibt es kaum. Das ist es, was die t’eig-er ausmacht: das richtige Gespür für Zeit und Ort des geistigen Gutes etablierter Stoffe in der Gegenwart.

 

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(c) Heldentheater

Thomas Sobotka, bekannt für seine akribische Recherche und Inszenierungen, in denen jedes Wort einem bestimmten Zweck dient und weitreichender Überlegungen entspringt, vollbringt auch noch das Kunststück, Freiraum für Improvisation zu lassen. Kein neues, aber ein immer wieder aufs neue erfrischendes Element seiner Produktionen. Bedarf es dafür doch besonders guter Chemie zwischen den Schauspielern. Diese überzeugten. Christian Ruck, altbekannt und charismatisch, obwohl auf den ersten Blick aufgrund der verfilzten Mähne kaum erkennbar, gab den lahmenden Philoktet betont verrückt und doch cool. Cool im wahrsten Sinne des Wortes, denn bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt souverän zu spielen, bedarf einiges an Selbstbeherrschung. Besonders Lemnos ureigene Geier (Maja Karolina Franke und Britt Kamper) seien an dieser Stelle lobend erwähnt, mussten sie doch (wenn sie nicht gerade missbraucht wurden oder missbrauchten) oft reglos am eisigen Boden verharren.

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(c) Heldentheater

Daniel Doujenis, der selbst schon Regieerfahrung mitbringt, hat sich die t’eig Truppe vom Schauspielhaus (/der Oper) ausgeborgt. Ein Multitalent und absoluter Mehrwert für das Stück, obendrein mit halsbrecherischem Stunt-Talent. Ebenso machte Neoptolemos, alias Wolfi Lampl, im Neoprenanzug und mit oder ohne Munitionsgürtel/Bogen eine gute Figur.

Insgesamt ist „Philoktet“ wieder eine interessante, die Mittel des Theaters austestende und kreativ einsetzende Inszenierung. Es bleibt aber zu hoffen, dass Sobotka bis zum nächsten Mal noch viele weitere, neue Kniffe einfallen. Auf und aus Holz gebaute Podeste, die dritte Wand durchbrechen und direkte Zuschaueransprache sowie Improstrecken gefallen und gehören zum Stil, aber man erwartet sie schon fast – überrascht wieder! Begeistert, wie ihr es schon oft getan habt!

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2 Kommentare zu “Tanzbär mit Asperga und 90-Minuten-Gedicht

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